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Das gesetzliche Früherkennungsprogramm in Deutschland bietet allen Männern ab 45 einmal jährlich die Möglichkeit einer Untersuchung auf Prostatakrebs. Dazu gehören die Abtastung der Genitalien und der dazu gehörigen Lymphknoten in der Leiste, weiter die Tastuntersuchung der Prostata vom Enddarm aus.
Für viele Männer und ihre Ärzte zählt zur Früherkennung allerdings noch ein weiterer Test: die Untersuchung einer Blutprobe auf das Prostata-spezifische Antigen (PSA). Noch steht allerdings nicht fest, dass regelmäßige PSA-Tests tatsächlich für alle infrage kommenden Männer von Vorteil sind: Der Beleg fehlt, dass diese Untersuchung ihr Leben verlängert und nicht nur Beunruhigung und eventuell sogar unnötige Behandlungen nach sich zieht. Die Diskussion um den Nutzen des PSA-Tests wird weltweit sehr intensiv und nicht immer sachlich geführt. Auch die Forschung dazu läuft "auf Hochtouren". Ziel sind verlässliche Daten zu Vor- und Nachteilen eines organisierten PSA-Screenings, also einer regelmäßigen Testung möglichst aller gesunden Männer ab einem bestimmten Alter. Viele Forschergruppen suchen zudem nach Verbesserungen des Tests oder nach neuen molekularbiologischen Markern zur Früherkennung von Prostatakrebs.
Der folgende Text bietet einen Überblick über das gesetzliche Früherkennungsprogramm, über die Diskussion um den PSA-Test sowie einen Ausblick auf neue Verfahren. Genutzte Quellen und weiterführende Informationen sind nach Möglichkeit direkt im Text verlinkt.
Das gesetzliche Früherkennungsprogramm sieht in Deutschland für Männer ab 45 einmal jährlich eine Prostatauntersuchung vor. Ansprechpartner sind Hausärzte und Fachärzte: Allgemeinmediziner und hausärztlich tätige Internisten führen die Untersuchung entweder selbst durch oder überweisen zu einem Urologen.
Der Arzt fragt nach der bisherigen Krankengeschichte und eventuellen Beschwerden oder Symptomen, er untersucht die Geschlechtsorgane und die Lymphknoten in der Leiste, und er tastet die Prostata vom Enddarm aus ab.
Für diese Untersuchung übernehmen die gesetzlichen Krankenversicherungen die Kosten. Findet der Arztbesuch ausschließlich zur Krebsfrüherkennung statt, müssen gesetzlich Versicherte auch keine Praxisgebühr zahlen.
Kein Bestandteil des gesetzlichen Früherkennungsprogramms ist der PSA-Test. Möchten Männer ihn durchführen lassen, müssen sie die Untersuchung meist selbst bezahlen, mehr dazu im Abschnitt "PSA-Untersuchung".
Die Teilnahme am gesetzlichen Früherkennungsprogramm ist keine Pflicht. Männer können sich auch dagegen entscheiden. Für Männer, die nach dem 31. März 1962 geboren wurden, sieht die Früherkennungsrichtlinie jedoch die Pflicht vor, sich über die Vor- und Nachteile zumindest einmal beraten zu lassen.
Mehr zum gesetzlichen Früherkennungsprogramm und zur Beratungspflicht hat der Krebsinformationsdienst in seinen Texten zur "Krebsfrüherkennung" zusammengestellt. Die gesetzlichen Grundlagen sind beim Gemeinsamen Bundesausschuss unter www.g-ba.de/institution/themenschwerpunkte/frueherkennung/
krebsfrueherkennung/ und beim Bundesministerium für Gesundheit unter www.bmg.bund.de/krankenversicherung/leistungen/frueherkennung-vorsorgeleistungen.html aufgeführt.
Findet der Arzt Veränderungen, veranlasst er die Suche nach möglichen Ursachen. Dazu gehört zum Beispiel der PSA-Test - hier dann nicht mehr als Früherkennungsverfahren, sondern als von der Krankenkasse bezahlte Abklärungsuntersuchung. Auch eine Ultraschalluntersuchung kommt infrage. Eventuell rät der Arzt bei starkem Krebsverdacht zur Entnahme von Gewebeproben durch Biopsie, mehr dazu im nächsten Kapitel "Abklärungsuntersuchungen bei Krebsverdacht".
Die Prostata ist vom Enddarm aus mit dem Finger gut tastbar. Für diese sogenannte digital- rektale Untersuchung (DRU) ist keine besondere Vorbereitung notwendig, also zum Beispiel auch keine Darmspülung. So bietet sich mit der Tastuntersuchung eine wenig belastende Möglichkeit der Erkennung zumindest oberflächlich gelegener und größerer Karzinome.
Dies reichte zu Beginn der 70er Jahre als Begründung aus, die digital rektale Austastung in das Programm zur gesetzlichen Früherkennung aufzunehmen. Heute weiß man, dass die Aussagekraft der Untersuchung ihre Grenzen hat: Mit der Tastuntersuchung können - wenn überhaupt - nur oberflächliche Tumoren erkannt werden, die schon eine gewisse Größe erreicht haben. Dies bedeutet, dass die Erkrankung sich meist nicht mehr in einem Frühstadium befindet. Die Treffsicherheit sinkt weiter, wenn Tumoren auf der dem Darm abgewandten Seite der Prostata liegen. Diese Veränderungen lassen sich meist gar nicht oder erst dann tasten, wenn sie die Form und Größe der gesamten Prostata verändert haben. Außerdem ist das Untersuchungsergebnis stark von der Erfahrung und den Fähigkeiten des Untersuchers abhängig.
Was den Nutzen angeht - also den Gewinn an Lebensjahren und die Senkung der Sterblichkeitsrate durch Früherkennung -, gibt es kontroverse Einschätzungen. Auch deutsche Experten gehen davon aus, dass die alleinige digitale-rektale Untersuchung der Prostata ohne PSA-Bestimmung als Früherkennungsuntersuchung für ein Prostatakarzinom nicht ausreichend ist.
Kritiker der Früherkennung führen auch Aussagen des Nationalen Krebsforschungsinstituts der USA (NCI) an. Dessen Experten sehen den Nutzen der digital rektalen Untersuchung als nicht ausreichend belegt an (in englischer Sprache unter www.cancer.gov/cancertopics/pdq/screening/
prostate/HealthProfessional).
Die Abtastung ist trotzdem bislang Teil des gesetzlichen Früherkennungsprogramms in Deutschland geblieben.
Der Nutzen der Tastuntersuchung ist eingeschränkt, da sie erst größere Veränderungen erkennen lässt. Daher setzen viele Krebsmediziner und Urologen heute auf die PSA-Testung, die Bestimmung des Prostata-spezifischen Antigens in einer Blutprobe. Auch der Nutzen dieser Untersuchung zur Krebsfrüherkennung ist umstritten. Zur Behandlungsplanung und zur Kontrolle eines Behandlungserfolgs bei Krebspatienten hat der PSA-Test dagegen einen wichtigen Stellenwert.
Das Prostata-spezifische Antigen, abgekürzt PSA, ist ein Eiweiß, das von Zellen der Prostata gebildet wird. Im Prostatasekret dient es der Verflüssigung des Samens. In geringen Mengen tritt das PSA auch ins Blut über. Daher lässt es sich mit einem relativ einfachen Labortest aus einer Blutprobe nachweisen. Der Normalwert liegt bei gesunden Männern im Bereich von null bis höchstens vier Milliardstel-Gramm (Nanogramm, ng) pro Milliliter Blut. Werte zwischen 2 ng/ml und 4 ng/ml gelten als kontrollbedürftig, die Untersuchung sollte in regelmäßigen Abständen wiederholt werden.
Als Ursache eines PSA-Anstiegs kommen zum Beispiel Entzündungen oder andere vergleichsweise harmlose Auslöser infrage, aber auch kleine Tumoren. Bei höheren Werten (über 4 ng/ml) wird ein Krebsverdacht wahrscheinlicher und muss weiter abgeklärt werden. Ist der Wert mehrfach erhöht, empfehlen Ärzte betroffenen Patienten dann meist die Entnahme von Gewebeproben durch Biopsie.
Nicht nur Krebs, sondern auch gutartige Prostataadenome sowie Entzündungen der Prostata oder der Blase erhöhen die Ausschüttung des Prostata-spezifischen Antigens ins Blut und verändern damit die PSA-Werte. Die Prostata reagiert zudem auf Druck: Hat der Arzt die Tastuntersuchung bereits durchgeführt, darf danach kein Blut für den PSA-Test mehr abgenommen werden. Vor der Blutabnahme sollten körperliche Anstrengung, Geschlechtsverkehr und Druck auf die Prostata vermieden werden.
Ist der Wert erhöht, sollte der Test wegen dieser Fehlerquellen zunächst wiederholt werden, eventuell auch erst im Abstand von einigen Wochen oder Monaten – ein einzelner Befund reicht auf keinen Fall aus, um die Diagnose Krebs zu stellen.
Der Test ist kein Bestandteil des gesetzlichen Krebsfrüherkennungsprogramms – noch ist der Nutzen nicht nachgewiesen. Männer haben keinen Anspruch darauf, dass ihre Krankenversicherung die Kosten für eine PSA-Testung trägt, falls sie gesund sind und die Untersuchung nicht notwendig ist, um Symptome abzuklären.
Viele Patienten mit Prostatakrebs sind davon überzeugt, dass der Test ihr Leben gerettet hat. Verfechter der Früherkennung mit dem PSA-Test gehen davon aus, dass es jüngere Patienten gibt, deren Tumoren unerkannt oft schnell und aggressiv wachsen. Bei ihnen könnte eine frühe Erkennung durch regelmäßige Untersuchungen tatsächlich dazu beitragen, ihre Lebenserwartung zu verlängern.
Geht es dagegen nach den schärfsten Kritikern des PSA-Tests, sollten Männer auf seine Durchführung besser ganz verzichten, solange der Nutzen nicht gesichert ist. Was nutzt es, so die Mahnung vieler Krebsexperten, sehr früh von einer Krebserkrankung zu erfahren, wenn sich dies nicht in einem Gewinn an Lebensjahren auswirkt? Dahinter steht die Überlegung, dass die meisten Männer erst in sehr fortgeschrittenem Alter erkranken - ihr Tumor würde oft gar nicht zu Beschwerden führen und ihr Leben nicht verkürzen. Erfahren sie dagegen von ihrer Krebserkrankung, führt dies zu psychischer wie körperlicher Belastung und zu möglicherweise unnötigen Behandlungen. Auch sei der Test insgesamt nicht so zuverlässig, dass er sich zur Früherkennung eignen würde.
Trotz dieser kritischen Aussage sehen aktuelle Leitlinien vor, dass Männern mit dem Wunsch nach Früherkennung der PSA-Test auf eigene Kosten angeboten werden kann, aber nur zusammen mit einer Tastuntersuchung. Der durchführende Arzt muss sie jedoch, so die Vorgaben, über die Aussagekraft von positiven und negativen Testergebnissen und gegebenenfalls notwendig werdende Maßnahmen wie Biopsie der Prostata, die Behandlungsoptionen und deren Risiken aufklären.
Die Untersuchung sollte Männern nicht vor dem Alter von 40 angeboten werden – vorher tritt ein Prostatakarzinom praktisch nie auf. Ein Mann sollte zudem eine Lebenserwartung von mindestens zehn weiteren Jahren haben, da sonst der Test kaum Konsequenzen für ihn hat: Prostatakrebs ist fast immer eine langsam verlaufende Erkrankung, die zumindest in Frühstadien oft gar nicht behandelt werden muss.
Lange hofften Experten weltweit auf eine große europäische und eine U.S.-amerikanische Studie zum Nutzen der Früherkennung: Die ersten Ergebnisse aus der "ERSPC-Studie" und der "PLCO-Studie, im März 2009 gleichzeitig veröffentlicht, zeigten allerdings keinen beziehungsweise nur einen vergleichsweise geringen Nutzen der Früherkennung auf. Beide Studien laufen weiter, in regelmäßigen Zeitabständen werden neue Ergebnisse berechnet.
Die Zwischenergebnisse wurden in Deutschland schon kurz nach ihrem Erscheinen in der aktuellen S3-Leitlinie berücksichtigt.
Weitere Daten kamen im Sommer 2010 von einer schwedischen Forschergruppe, aus der "Göteborg-Studie". Sie konnten mit steigender Nachbeobachtungszeit einen gewissen Überlebensvorteil durch das PSA-Screening aufzeigen, vor allem für jüngere Männer. Die ihren Studien zugrundeliegenden Teilnehmerzahlen sind allerdings kleiner, und es gibt weitere Einschränkungen ihrer Aussagen. Im Frühjahr 2011 veröffentlichten schwedische Wissenschaftler Daten aus einer der am längsten laufenden Studien zum Thema. Sie konnten nach 20 Jahren Nachbeobachtungszeit keinen Überlebensvorteil durch regelmäßige Früherkennung finden.
Anfang 2012 zeigt auch die in den USA laufende Langzeitstudie: Ein jährlicher PSA-Test senkt die Sterberate nicht.
Für Interessierte hat der Krebsinformationsdienst am Ende dieses Textes Details zu den Studien zusammengestellt.
Um Männern die Entscheidung zu erleichtern, denen ein PSA-Test angeboten wurde oder die sich selbst dafür interessieren, gibt es eine Hilfestellung im Internet: Unter der Adresse www.psa-entscheidungshilfe.de haben die AOK, die Universität Bremen und der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums ein Angebot bereit gestellt.
Interessierte Männer können sich durch die interaktive Seite neutral über die Vor- und Nachteile des Tests informieren. Die Entscheidungshilfe erleichtert es zudem, eigene und persönliche Argumente für oder gegen den PSA-Test zu finden.
Männer, die sich für einen PSA-Test entscheiden, sollten von ihren Ärzten über die Konsequenzen aufgeklärt werden. Eine klare Krebsdiagnose wird zwar mit steigendem PSA-Wert wahrscheinlicher. Eine endgültige Aussage ist aber - auch bei hohen Werten - erst dann möglich, wenn Krebszellen in einer Gewebeprobe nachweisbar sind. Andererseits schließen auch niedrige PSA-Spiegel eine Krebserkrankung nicht aus.
Europäische und deutsche Leitlinien geben Anhaltspunkte, was sich hinter bestimmten PSA-Werten verbergen kann:
- Bei Werten unter zwei Nanogramm PSA pro Milliliter Blut (ng/ml) ist eine Kontrolle erst nach zwei oder mehr Jahren notwendig. Selbst bei so niedrigen Werten entwickelt sich allerdings bei bis zu zehn von 100 Männern trotzdem ein Karzinom in der Prostata. Diese sehr kleinen Tumoren haben aber meist keine Auswirkungen auf die Gesundheit. Eine weitere, wenn auch sehr seltene Ausnahmen sind bösartige Tumoren, die den PSA-Spiegel gar nicht beeinflussen. Sie lassen sich zurzeit mit keiner Früherkennungsmethode nachweisen.
- Bei Werten von 2 - 4 ng/ml müssen zwischen 23 und 27 von hundert Männern damit rechnen, dass tatsächlich ein - wenn auch kleines - Karzinom die PSA-Quelle ist. Der Wert sollte nach einem Jahr kontrolliert werden, sofern keine weiteren Symptome vorliegen und die Tastuntersuchung unauffällig ist.
- Bei Werten von 4 - 10 ng/ml wird eine Prostatakarzinom-Diagnose wahrscheinlicher: Vier von zehn Männern müssen bei weiterführenden Untersuchungen damit rechnen, dass tatsächlich Tumorgewebe entdeckt wird. Eine Biopsie sollte überlegt werden.
- Steigt der Wert weiter und/oder liegt er bereits bei den ersten Messungen über 10 ng/ml, haben mindestens sieben von zehn Männern ein Prostatakarzinom, das sich bei den weiterführenden Untersuchungen Seite auch durch den Nachweis von Tumorgewebe sicher diagnostizieren lässt.
Für Interessierte stehen die englischsprachigen "Guidelines on Prostate Cancer, 2010", unter
www.uroweb.org/gls/pdf/Prostate%20Cancer%202010.pdf zur Verfügung. Die deutsche S3-Leitlinie ist unter www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/043-022-OL-l_S3_Prostatakarzinom_Langfassung_V1-03.pdfabrufbar. Beide Texte richten sich vorrangig an Fachkreise.
Eine Situation, die gar nicht so selten auftritt: Der PSA-Wert ist erhöht ist, bei der anschließenden Biopsie wird aber kein Tumorgewebe gefunden. Für betroffene Männer kann dies psychisch sehr belastend sein, und für sie bedeutet dies zunächst Abwarten, weitere Untersuchungen und, vor allem bei anhaltend hohen PSA-Werten, auch eine erneute Gewebsentnahme, mehr dazu im Kapitel "Krebsverdacht abklären".
In der Forschung wird intensiv nach Verbesserungen oder Alternativen zum Test auf das Prostata spezifische Antigen gesucht. Solche Untersuchungen müssten spezifischer für krebstypische Merkmale sein, sie müssten sicherer als das eher unspezifische PSA auf eine Krebserkrankung hinweisen. Nur so ließen sich bösartige Veränderungen der Prostata deutlich von gutartigen unterscheiden.
So gibt es beispielsweise die Möglichkeit, das Verhältnis des "freien" zum gesamten PSA zu bestimmen: Diese Angabe bezieht sich auf die molekulare Form, in der das prostataspezifische Antigen im Blut vorliegt.
Andere Weiterentwicklungen setzen auf neue Biomarker, die das PSA ganz ablösen sollen: Die Abkürzung EPCA steht beispielsweise für das schon früh in der Tumorbildung nachweisbare Protein "Early prostate cancer antigen". Hinter PCA3 verbirgt sich ein Gen, das in Krebszellen weitaus aktiver zu sein scheint als in normalem Prostatagewebe.
Diese und weitere Tests werden in Studien geprüft. Reif für den Einsatz in der Praxis sind die bisher beforschten Verfahren alle noch nicht, auch wenn manche Werbung anderes suggeriert.
In der "European Randomized Study of Screening for Prostate Cancer" (in englischer Sprache unter www.erspc.org) wurden seit den frühen 90er Jahren 182.000 Männer im Alter zwischen 50 und 74 Jahren beobachtet. Die bis 2006 vorliegenden Daten von 162.000 Teilnehmern zwischen 55 und 69 aus sieben verschiedenen Ländern wurden zur Auswertung herangezogen. Der einen Hälfte der Männer bot man einen regelmäßigen PSA-Test an, die andere Hälfte diente als Kontrollgruppe. Auch in dieser Gruppe gab es jedoch einen Anteil von Männern, die von ihren Hausärzten PSA-Tests und digital-rektale Untersuchungen durchführen ließen.
Nach einer mittleren Nachbeobachtungszeit von knapp neun Jahren wurden erwartungsgemäß in der PSA-Test-Gruppe bei mehr Männern Prostatakarzinome entdeckt als in der Kontrollgruppe. Bei den meisten Betroffenen führte dies zu einer mehr oder weniger belastenden Therapie mit langfristigen Folgen für die Lebensqualität, von der psychischen Belastung einer Krebsdiagnose ganz abgesehen.
Die Autoren einer ERSPC-Publikation von 2009 machen zur Erläuterung des Aufwandes im Vergleich zum Nutzen folgende Rechnung auf: Man müsste 1.410 Männer regelmäßigen Kontrollen unterziehen, um einen Todesfall an Prostatakrebs zu verhindern. Zwar ließen sich innerhalb von etwa zehn Jahren 48 Prostatakrebserkrankungen mehr entdecken als ohne regelmäßige Untersuchung. Dem einen verhinderten Todesfall stünden aber 47 Männer entgegen, bei denen die Teilnahme an der Früherkennung nur den Diagnosezeitpunkt vorverlegt - und so auch die Belastung einer Krebsdiagnose und -therapie. Ein Teil von ihnen würde voraussichtlich unabhängig von der Erkrankung an anderen Ursachen versterben und hätte ohne den PSA-Test nie von der Karzinomerkrankung erfahren.
Quelle: Schröder FH et al. (2009) Screening and Prostate-Cancer Mortality in a Randomized European Study. N Engl J Med. 360:1320-8, DOI:10.1056/NEJMoa0810084
2011 erschien eine weitere Publikation der Gruppe: Die inzwischen ausgewerteten Daten belegen, dass ein einzelner erhöhter PSA-Wert nicht ausreicht, um eine Krebsdiagnose zu stellen. Knapp ein Fünftel der Männer, die ihren Wert regelmäßig kontrollieren ließen, erhielt mindestens einmal ein falsches Untersuchungsergebnis, das Beunruhigung und oft auch unnötige weitere Untersuchungen nach sich zog.
Quelle: Kilpeläinen TP et al. (20111): False-positive screening results in the European randomized study of screening for prostate cancer. European Journal of Cancer, 47(18): 2698-2705, http://dx.doi.org/10.1016/j.ejca.2011.06.055.
Die zweite Studie wird vom Nationalen Krebsforschungsinstitut der USA (NCI) koordiniert, Informationen dazu sind in englischer Sprache abrufbar unter http://dcp.cancer.gov/plco.
Die amerikanische Studie, "Prostate, Lung, Colorectal, and Ovarian Cancer Screening Trial (PLCO), erfasste zwischen 1993 und 2001 rund 76.000 Männer, die entweder einmal jährlich eine Krebsvorsorge-Untersuchung erhielten oder der Kontrollgruppe ohne regelmäßige Gesundheitstests zugeordnet wurden. Als Diagnoseverfahren nutzten die beteiligten Kliniken sechs Jahre den PSA-Test und vier Jahre die digital-rektale Untersuchung.
Auch hier führten die Tests schnell zu einem Anstieg der Prostatakrebs-Diagnosezahlen in der untersuchten Gruppe. Nach einer inzwischen rund 13jährlichen Nachbeobachtungszeit konnten die U.S.-Wissenschaftler aber keine Unterschiede in den Sterberaten beider Gruppen an Prostatakrebs feststellen.
Quellen (Auswahl):
Andriole GL, Berg C et al.(2009) Mortality Results from a Randomized Prostate-Cancer Screening Trial. N Engl J Med. 360:1319-9 Doi: 10.1056/NEJMoa0810696
Prorok CP, Andriole GL et al. (2012) Prostate Cancer Screening in the Randomized Prostate, Lung, Colorectal, and Ovarian Cancer Screening Trial: Mortality Results after 13 Years of Follow-up. Online vor Print: JNCI J Natl Cancer Inst (2012) doi: 10.1093/jnci/djr500.
Sie wurde im Dezember 1994 gestartet, die bisher vorgelegten Auswertungen beziehen sich auf den Zeitraum bis 2008. Teilnehmer sind 20.000 schwedische Männer, die bei Studienstart zwischen 50 und 64 Jahre alt waren. Der Früherkennungs- oder "Screening"-Gruppe wurde bis zum Alter von durchschnittlich 69 Jahren alle zwei Jahre ein PSA-Test angeboten. Erst wenn ein Mann einen erhöhten Wert aufwies, wurde er aufgefordert, weitere Untersuchungen wie die digital-rektale Abtastung der Prostata, Ultraschall oder Biopsien durchführen zu lassen. Die Kontrollgruppe erhielt keine Einladung zu Früherkennungsuntersuchungen.
Zum Auswertungszeitpunkt hatten aus der Screening-Gruppe von den ursprünglich 10.000 Männern 7.758 mindestens einmal an einem PSA-Test teilgenommen, 1.046 von ihnen erhielten die Diagnose Prostatakrebs. In der größeren Kontrollgruppe war die Krebserkrankung dagegen nur bei 718 Männern festgestellt worden. Auch Daten zur Sterblichkeit liegen vor. Zur besseren Vergleichbarkeit sind sie hier auf jeweils 10.000 Männer hochgerechnet: Nach vierzehn Jahren mit regulärem Screening wären 34 Männer gestorben, ohne Screening wären es 78. Eine weitere Umrechnung, auf die bisher überschaubare Zeitspanne bezogen, sieht so aus: Wenn sich 293 Männer regelmäßig untersuchen lassen, werden zwölf die Diagnose Prostatakrebs erhalten, und ein Todesfall kann vermieden werden. Eine Auswertung der Altersstruktur, auch unter Einbeziehung der Studienverweigerer, zeigte auf: Der Nutzen des PSA-Tests kommt bei jüngeren Männern am ehesten zum Tragen - Männer über 60 profitieren bei weitem nicht mehr so stark von einer regelmäßigen Untersuchung. In der Screening-Gruppe erhielten wesentlich mehr Männer die Diagnose Krebs in einem sehr frühen Stadium, in dem gar keine Behandlung erforderlich ist. Die psychische Belastung der Krankheit blieb ihnen durch den PSA-Test jedoch nicht erspart.
Folgende Punkte schränken die Aussagekraft der Studie ein: In beiden Gruppen gab es Männer, die auf eigene Faust Früherkennungsuntersuchungen durchführen ließen. Dies zeigte sich zum Beispiel daran, dass auch in der Screening-Gruppe nicht alle Männer die Diagnose im Rahmen der Studie erhielten. Trotz der ursprünglich 20.000 Teilnehmer gilt die Studie als klein, vergleicht man sie mit den beiden vorgenannten Untersuchungen zur gleichen Fragestellung. Dies erschwert auch das Erkennen weiterer Faktoren, die ebenfalls eine Ursache für die Unterschiede in der Sterblichkeit sein könnten.
Quelle: Hugosson J et al. (2010): Mortality results from the Göteborg randomised population-based prostate-cancer screening trial. Lancet Oncol. 2010 Jun 30.Epub ahead of print, DOI 10.1016/S1470-2045(10)70146-7
Diese Untersuchung wurde 1987 in der Region Norrköping in Schweden begonnen. Erfasst waren alle Männer, die laut Bevölkerungsregister zu Beginn der Studie zwischen 50 und 69 Jahre alt waren. Knapp 1.500 von insgesamt rund 9.000 nahmen an Früherkennungsmaßnahmen teil. Dazu zählten zunächst nur digital-rektale Untersuchungen; 1993 und 1996 kamen auch PSA-Tests hinzu. Bis Mitte der 90er Jahre wurden alle Männer der Screening-Gruppe jeweils im Abstand von drei Jahren insgesamt dreimal untersucht. Eine vierte und letzte Untersuchung wurde 1996 nur Männern angeboten, die zu diesem Zeitpunkt noch jünger als 70 Jahre alt waren.
Nach 20 Jahren zeigte sich: Männer mit regelmäßiger Früherkennung starben genauso häufig an Prostatakrebs wie Männer aus der nicht regelmäßig untersuchten Kontrollgruppe.
Quelle: Sandblom G et al. (2011): Randomised prostate cancer screening trial: 20 year follow-up. BMJ; 342:d1539. doi: 10.1136/bmj.d1539