Deutsches Krebsforschungszentrum - Krebsinformationsdienst


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Dickdarmkrebs: Ursachen, Risikofaktoren, Vorbeugung

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Wie sich normale Zellen in Krebszellen verwandeln, weiß man beim kolorektalen Karzinom heute recht genau: Bei den meisten Patienten entwickelt sich Dickdarmkrebs aus gutartigen Schleimhautwucherungen, aus so genannten Polypen oder Adenomen. Bei der Darmspiegelung im Rahmen der Krebsfrüherkennung können solche Veränderungen gezielt entfernt werden. Doch wodurch entstehen sie? Spielt Vererbung eine Rolle? Lässt sich Dickdarmkrebs vorbeugen?
Informationen aus dem Internet können eine ärztliche Beratung zum persönlichen Krebsrisiko nicht ersetzen. Der folgende Text soll es Interessierten aber erleichtern, sich auf ein solches Gespräch vorzubereiten.

Als eine Quelle hat der Krebsinformationsdienst die "S3-Leitlinie Kolorektales Karzinom" genutzt. Sie wurde im September 2008 von der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen und der Deutschen Krebsgesellschaft herausgegeben. Beteiligt waren weitere Fachgesellschaften und Patientenorganisationen. Die Leitlinie bewertet das bis zu diesem Zeitpunkt verfügbare Wissen über Darmkrebs und stellt Handlungsempfehlungen zusammen. Sie ist im Internet unter www.dgvs.de/media/Leitlinie.pdf abrufbar, richtet sich aber vorwiegend an Fachleute.
Weitere Quellen sind im Text genannt.

Informationen für Krebspatienten?

Die folgenden Informationen zur Darmkrebsvorbeugung richten sich an Gesunde.
Für Patienten mit einem Darmtumor, die sich Gedanken um ihr Rückfallrisiko machen, hält der Krebsinformationsdienst gesonderte Texte bereit, mehr dazu im Kapitel "Darmkrebs: Leben mit der Erkrankung".

Darmkrebsrisiko und Krebsvorbeugung - das Wichtigste in Kürze

Dickdarmkrebs ist derzeit die zweithäufigste Tumorerkrankung in Deutschland. Im internationalen Vergleich liegen die Erkrankungszahlen in der Bundesrepublik mit an der Spitze, so die Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister (www.gekid.de, Broschüre "Krebs in Deutschland").

Darmkrebsvorbeugung
  • Bewegen Sie sich viel.
  • Vermeiden Sie Übergewicht.
  • Achten Sie auf ausreichend Ballaststoffe, auch aus Gemüse.
  • Essen Sie weniger rotes Fleisch oder verarbeitete Fleischprodukte (etwa Wurst), mehr Fisch.
  • Meiden Sie Alkohol und Tabak.
  • Vitamintabletten und Nahrungsergänzungsmittel werden nicht empfohlen.
  • Gab es in Ihrer Familie schon Krebserkrankungen oder leiden Sie an einer entzündlichen Darmerkrankung, dann sprechen Sie mit Ihrem Arzt über "Krebsvorsorge"- Untersuchungen.

Fachleute machen dafür vor allem Ernährungs- und Lebensgewohnheiten verantwortlich. Sie zählen eine zu hohe Kalorienaufnahme mit einem zu geringen Anteil pflanzlicher Lebensmittel, Bewegungsmangel und Übergewicht als miteinander verknüpfte Risikofaktoren auf. Rauchen fördert nicht nur Lungenkrebs, sondern kann auch einen Einfluss auf die Entstehung von Darmkrebs haben. Alkohol gehört ebenfalls zu den anerkannten Risikofaktoren. 
Auch wenn einige Mikronährstoffe wie Kalzium oder Folsäure einen Einfluss auf das Risiko zu haben scheinen, von Vitamin- oder Mineralstofftabletten zur Nahrungsergänzung raten Fachleute international ab. Einige andere Medikamente zur Vorbeugung werden zwar diskutiert, sind für den Einsatz bei jedermann aber noch nicht geeignet.

Verwandte von Patienten mit kolorektalem Karzinom tragen ein höheres Erkrankungsrisiko als es in Familien ohne Darmkrebspatienten beobachtet wird. Ob im Hintergrund gemeinsame krankheitsfördernde Erbanlagen stehen, ob eher der gemeinsame Lebensstil in der Familie verantwortlich ist oder ob sich eine Mischung aus beidem auf das Risiko auswirkt, lässt sich zurzeit noch nicht eindeutig beantworten. Einen Hinweis liefert das Alter zum Zeitpunkt der Diagnosestellung: Ist der Patient jünger als 60 Jahre, so können veränderte Gene zumindest nicht ausgeschlossen werden. Auf die Beteiligung genetischer Faktoren deuten außerdem mehrere Darmkrebspatienten in einer Familie, mehr dazu hier.
Weit seltener treten nachweisbare Genveränderungen auf, die bei ihren Trägern mit großer Wahrscheinlichkeit und unabhängig vom Lebensstil zu Krebs führen. In betroffenen Familien finden sich nicht selten über Generationen hinweg immer wieder Erkrankte, und die Patienten sind bei Diagnosestellung oft noch im jungen Erwachsenenalter.
Angehörige von Darmkrebspatienten sollten sich beraten lassen, ob bei ihnen Früherkennungsuntersuchungen eventuell schon vor dem 50. Geburtstag sinnvoll wären.

Die chronisch endzündlichen Darmerkrankungen Colitis ulcerosa und Morbus Crohn zählen zu den belegten Risikofaktoren für Darmkrebs. Verdauungsprobleme wie Verstopfung und Durchfall oder das Reizdarm-Syndrom mit Krämpfen oder sogar Schmerzen gelten nicht als Risikofaktoren. Sie können aber ein Frühzeichen von Darmkrebs sein.

Prävention: Was lässt sich erreichen, was nicht?

Krebsforscher gehen davon aus, dass sich die Rate an Darmkrebserkrankungen in den Industrieländern durch einen gesünderen Lebensstil deutlich senken ließe. Zu vielen Einzelfaktoren, etwa Sport und Bewegung oder der Reduktion von Übergewicht, liegen konkrete Zahlen aus Studien vor.

Um welchen Anteil die Darmkrebsrate insgesamt gesenkt werden könnte, ist dagegen eine viel diskutierte und nur schwer zu beantwortende Frage:
Zahlen von heute geben immer nur die Situation der Vergangenheit wieder: Bis sich ein Karzinom entwickelt hat, vergehen Jahre, unter Umständen sogar Jahrzehnte. Änderungen des Lebensstils wirken sich daher ebenfalls erst mit entsprechender Verzögerung auf die durchschnittlichen Krebsraten aus.

Ein weiterer Punkt, der für Unsicherheit bei der Abschätzung sorgt: Dickdarmkrebs tritt überwiegend bei Menschen höheren Alters auf (eine Grafik der Krebsregister findet sich in der Broschüre "Krebs in Deutschland", Seite 37, abrufbar von www.gekid.de). Setzt sich der Trend einer steigenden Lebenserwartung weiter fort, gilt es unter Fachleuten auch als wahrscheinlich, dass mehr Menschen wegen ihres fortgeschrittenen Alters eine Darmkrebsdiagnose noch "erleben".

Zum Weiterlesen
Stiftung LebensBlicke, im Internet unter www.lebensblicke.de.

Die Stiftung LebensBlicke hat sich zur Aufgabe gemacht, das öffentliche Bewusstsein für das Thema Darmkrebs und Prävention zu schärfen. So bietet sie zum Beispiel einen Selbsttest an, anhand dessen Gesunde ihr persönliches Darmkrebsrisiko abschätzen können. Der Test sowie weitere Informationen zum Thema sind auf der Internetseite der Stiftung abrufbar, unter www.lebensblicke.de.

Patienten: Nichts falsch gemacht

Aus Statistiken lassen sich keine Einzelschicksale ableiten - alle Angaben beziehen sich auf größere Gruppen oder gar auf die gesamte Bevölkerung. Selbst Menschen, die sehr gesund leben und keine angeborenen Risikofaktoren oder Vorerkrankungen haben, können an einem Tumor erkranken - "Fehler" im genetischen Code entstehen vermutlich oft rein zufällig.
Die Diagnose einer Darmkrebserkrankung bedeutet also nicht, etwas falsch gemacht oder übersehen zu haben oder gar "Schuld" an der Erkrankung zu tragen (hier mehr zum Thema Krankheitsbewältigung).

Umsetzung: Wie viel Sicherheit bieten die heutigen Empfehlungen?

Warum lohnt es sich trotz der geschilderten offenen Fragen, auf die Vermeidung der heute bekannten Risikofaktoren und die Angebote zur Krebsfrüherkennung zu setzen?

Die meisten bekannten Maßnahmen wirken sich nicht nur auf das Darmkrebsrisiko aus, sondern gelten auch als allgemein gesundheitsfördernd. Sie wirken der Entstehung anderer Tumorarten ebenso entgegen wie beispielsweise einer Zuckerkrankheit oder dem Risiko von Bluthochdruck, Schlaganfällen oder Herzinfarkten. Die heutigen Empfehlungen zum Lebensstil sind mit vergleichsweise geringem Aufwand umzusetzen und bergen nach aktuellem Kenntnisstand keinerlei Risiken. Für die Darmkrebsfrüherkennung konnte belegt werden, dass sie statistisch gesehen zu einer Lebensverlängerung beiträgt.

Lebensgewohnheiten und Ernährung:
Welche Rolle spielt der Lebensstil?

In zwei großen Studien konnte gezeigt werden, dass bereits 30 bis 60 Minuten Bewegung täglich das Risiko für Darmkrebs senken. Dabei unterscheiden Wissenschaftler nicht zwischen Sport oder anstrengender Alltagstätigkeit in Beruf und Freizeit.

Um das Thema Ernährung gab es in den letzten Jahren viele Diskussionen in der Fachwelt - dafür hatten zum Teil widersprüchliche Ergebnisse großer Studien gesorgt.
Heute sind sich die Experten weltweit einig bezüglich der Rolle pflanzlicher Lebensmittel in der Vorbeugung von Darmkrebs: Obst und Gemüse sollten den Hauptanteil der Ernährung darstellen. Als Faustregel wird oft "Fünf am Tag" zitiert, also fünf Portionen Obst und/oder Gemüse pro Tag. Bezüglich des Darmkrebsrisikos ist Gemüse dabei wichtiger als Obst.

Damit tritt auch das in der Forschung noch umstrittene Thema Ballaststoffe etwas in den Hintergrund: Die meisten Obst- und Gemüsesorten liefern davon reichlich. Auch Getreideprodukte oder Hülsenfrüchte sind eine Quelle für Ballaststoffe. Dagegen nützt es anscheinend wenig, isolierte Ballaststoffprodukte als Nahrungsergänzungsmittel zu sich zu nehmen. In der europäischen EPIC-Studie konnte gezeigt werden, dass die deutlichste Reduktion des Darmkrebsrisikos bei Menschen auftrat, die die höchsten Ballaststoffmengen über die Ernährung aufnahmen - ein Effekt, der in U.S.-amerikanischen Studien nicht zu beobachten war, weil dort insgesamt weit weniger faserreiche Kost verzehrt wurde als in Europa (mehr zu EPIC in englischer Sprache unter http://epic.iarc.fr/keyfindings.php, in deutscher Sprache unter www.dkfz-heidelberg.de/de/epidemiologie-krebserkrankungen/arbeitsgr/ernaerepi/ernaerepi.html).

Rotes Fleisch, also vor allem Rind- oder Schweinefleisch, wirkt sich möglicherweise über seinen Eisengehalt ungünstig aus und führt zur Ausschüttung größerer Mengen von Gallensäuren als pflanzliche Kost. Auch verzehren Menschen, die gern große Fleischportionen essen, meist zu wenig Gemüse und andere pflanzliche Lebensmittel. Verarbeitete Fleischprodukte, also Geräuchertes und Gepökeltes sowie Wurstwaren aller Art, zeigten sich in großen Beobachtungsstudien als potenziell ungünstige Lebensmittel, wobei der Weg, über den sie sich schädigend auswirken, noch diskutiert wird. Geflügel hat keinen messbaren Einfluss. Auch die Rolle von Fisch wurde untersucht, bisher jedoch ohne eindeutige Ergebnisse.
Ob bei der Auswahl tierischer Lebensmittel vielleicht insgesamt nur der Fett- und Kaloriengehalt oder doch eher bestimmte Inhaltsstoffe eine Rolle spielen, lässt sich derzeit nicht sicher beurteilen.

Auch den eindeutig nachgewiesenen negativen Einfluss von Alkohol führen Wissenschaftler heute zum Teil auch auf den hohen Kaloriengehalt von alkoholischen Getränken zurück. Denn eines gilt als belegt: Übergewicht ist einer der wichtigsten Risikofaktoren für Darmkrebs, in dem die Auswirkungen von Bewegungsmangel und Fehlernährung zusammenfließen.

Was viele Menschen überraschen wird: Auch der Konsum von Tabak steigert das Darmkrebsrisiko. Zwar ist der Zusammenhang mit dem Rauchen nicht so eindeutig wie etwa bei Lungenkrebs. Die vorliegenden Studienergebnisse reichen Fachleuten jedoch aus, um auch zur Senkung des Darmkrebsrisikos zum Verzicht auf Zigaretten und andere Tabakprodukte zu raten.

Einen Überblick über alle genannten Faktoren bietet auch der Text "Lebensstil und Krebsvorbeugung".

Chemoprävention: Kann man mit Tabletten vorbeugen?

Zum Weiterlesen

Mit einer Tablette täglich eine Krebserkrankung wirksam verhindern - diesen Traum haben Wissenschaftler ebenso wie Menschen, die um ihr persönliches Risiko besorgt sind.

In den letzten Jahrzehnten wurde intensiv nach Möglichkeiten der so genannten Chemoprävention gesucht. Beim Thema Darmkrebsvorbeugung sah es eine Zeitlang so aus, als wären zum Beispiel chemische Verwandte der Acetylsalicylsäure ("Aspirin)" geeignete Kandidaten, eventuell auch Hormone oder Substanzen, die sich auf den Cholesterinstoffwechsel oder die Gallensäuren auswirken. Auch Kalzium, Folsäure, Selen, Magnesium und viele weitere Mikronährstoffe wurden in Studien untersucht. Man prüfte vor allem, ob sich die Bildung von Polypen als Darmkrebsvorstufe reduzieren ließ.

Die bisherigen Ergebnisse sind insgesamt ernüchternd: Entweder reicht die Datenlage trotz vieler Forschung noch nicht aus, um überhaupt eine gesicherte Aussage zum Krebsrisiko zu treffen.
Oder die Senkung der Rate an Zellveränderungen wurde mit einem Anstieg anderer, ebenso gefährlicher Erkrankungen erkauft: Ein Beispiel ist das Risiko schwerer Blutungen durch die "Aspirin"-Verwandten. Ein weiteres bietet die Hormonersatztherapie gegen Wechseljahresbeschwerden. Sie senkt bei Frauen zwar das Darmkrebsrisiko, steigert aber das Brustkrebsrisiko deutlich.
Erfolge, die eine Empfehlung zur Chemoprävention rechtfertigen, ließen sich lediglich bei einigen Gruppen mit besonders hohem Risiko erzielen.

Umsetzung: Was tun als Gesunder?

Menschen, die kein besonderes Darmkrebsrisiko aufweisen, sollten nicht auf Nahrungsergänzungsmittel oder Arzneimittel setzen, sondern auf einen gesunden Lebensstil.
Wo möglich, sollten insbesondere Vitamine, Mineralien und Spurenelemente über die normale Ernährung und nicht als Tablette aufgenommen werden. Die aktuelle Leitlinie zählt unter den als isolierte Stoffen nicht empfehlenswerten Substanzen Kalzium, Magnesium, Beta-Carotin als Vitamin-A-Vorstufe, die Vitamine A, C, D, E und Folsäure sowie Selen auf. Einen allgemeinen Überblick zur Diskussion um Vitamine und Mineralstoffe hat der Krebsinformationsdienst hier zusammengestellt.

Für Gesunde ohne besonderes Krebsrisiko ist auch der Nutzen einiger Medikamente nicht belegt, die für Risikogruppen durchaus interessant sein können. Dazu gehören so genannte nicht steroidale Antirheumatika (NSAR oder NSAID) bzw. COX-2-Hemmer, etwa die Substanz Sulindac. Acetylsalicylsäure (ASS oder "Aspirin"), eine der wenigen frei erhältlichen Substanzen dieser Gruppe, sollte wegen der Risiken ebenfalls nicht auf eigene Faust genommen werden, so das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (mehr zu den Risiken auch im Text "Chemoprävention").

Umsetzung: Empfehlungen für Risikogruppen?

Menschen, die schon einmal Krebsvorstufen wie Adenome oder Polypen im Darm hatten, wie auch Verwandte von Darmkrebspatienten sollten ebenfalls vorrangig auf einen gesunden Lebensstil achten. Zwar muss bei ihnen von einem höheren Darmkrebsrisiko ausgegangen werden, die verfügbaren Daten reichen derzeit jedoch nicht aus, so die aktuelle Leitlinie, ihnen besondere Medikamente oder Nahrungsergänzungsmittel zur Krebsvorbeugung zu empfehlen.

Auch Menschen mit besonders hohem Darmkrebsrisiko, etwa aufgrund angeborener Genveränderungen, können nicht ohne weiteres auf eine Chemoprävention setzen. Zwar gibt es Daten, die zum Beispiel für die Substanz Sulindac Vorteile erkennen lassen. Eine pauschale Empfehlung lässt sich jedoch nur schwer formulieren, darin sind sich Fachleute einig (in Deutschland: aktuelle S3-Leitlinie; in den USA: als Beispiel die Empfehlungen des National Cancer Institute unter www.cancer.gov/cancertopics/pdq/prevention/
colorectal/Patient/page3
).

  • Menschen mit einem besonders hohen Darmkrebsrisiko aufgrund nachgewiesener Genveränderungen oder aufgrund von Vorerkrankungen brauchen eine individuelle medizinische Betreuung. Ob sie Medikamente zur Krebsvorbeugung einnehmen sollten, können sie nur gemeinsam mit ihren behandelnden Ärzten entscheiden.

Vererbung: Welches Risiko bergen die Gene?

Die Rolle angeborener genetischer Veränderungen ist nur für einige seltene Darmkrebsformen weitgehend geklärt: Betroffen sind, so der aktuelle Kenntnisstand, höchstens fünf von hundert Menschen mit kolorektalen Karzinomen, darunter meist auffallend junge Patienten. Sie können diese Gene an ihre Kinder weitergeben, was auch für diese ein sehr hohes Erkrankungsrisiko bedeutet, mehr dazu im nächsten Abschnitt.

Wie sieht es mit den Angehörigen aller anderen Darmkrebspatienten aus?
In großen Beobachtungsstudien konnte gezeigt werden, dass auch sie mit einem statistisch etwas höheren Erkrankungsrisiko als die Durchschnittsbevölkerung leben. Verwandte ersten Grades  müssen mit einer zweifach höheren Wahrscheinlichkeit für eine Darmkrebserkrankung rechnen. Selbst bei entfernteren Verwandten lässt sich rein rechnerisch noch eine leichte Steigerung der Krebsrate ausmachen.

Vererbung oder familiäre Gewohnheiten?

Die Ursachen dieser Risikosteigerung sind meist nicht eindeutig zu identifizieren, so die aktuelle deutsche Leitlinie zur Darmkrebsvorbeugung. Es bleibt in den meisten Familien unklar, ob hinter dieser Risikosteigerung tatsächlich gemeinsame Erbanlagen stehen, also bisher unerkannte vererbbare "Darmkrebs-Gene", oder andere Erbanlagen, die zwar die Erkrankung nicht unmittelbar verursachen, aber empfindlicher für Risikofaktoren machen. Als ebenso wahrscheinliche Möglichkeit gilt laut der meisten Studien, dass es der gemeinsame Lebensstil ist, der sich auf das Risiko auswirkt und so auch in den Statistiken niederschlägt.

Umsetzung: Früherkennung besonders wichtig

Verwandte von Darmkrebspatienten sollten ihre Ärzte fragen, ob für sie die Teilnahme an Früherkennungsuntersuchungen bereits vor dem 50. Geburtstag empfehlenswert ist.
Als Faustregel empfehlen Fachleute, sich am Alter zu orientieren, in dem der Darmkrebspatient erkrankte. Eine erste Darmspiegelung sollte bei Verwandten ersten Grades zehn Jahre früher stattfinden. War der erkrankte Angehörige bei der Diagnosestellung beispielsweise 45 Jahre alt, sollten seine Geschwister und seine Kinder also spätestens mit 35 zum Arzt gehen.

Die aktuelle deutsche Leitlinie erweitert diese Empfehlung noch für Angehörige von Menschen, bei denen Krebsvorstufen, also Adenome beziehungsweise Polypen, entfernt wurden. War der Betroffene jünger als 50, sollten auch seine Angehörigen zehn Jahre vor dem Diagnosealter erstmals eine Darmspiegelung durchführen lassen.

Junge Patienten: Seltene Gene, hohes Risiko?

Welche Faktoren deuten darauf hin, dass in einer Familie doch die Hochrisikogene vorliegen könnten?
Insgesamt betrifft diese Situation höchstens fünf von hundert Dickdarmkrebspatienten. Während die meisten Patienten typische Genveränderungen nur in den Tumorzellen aufweisen, finden sich bei diesen Betroffenen die "Krebs-Gene" in allen Zellen, daher können sie über Ei- und Samenzellen an die Kinder weiter gegeben werden.
Die Betroffenen sind nicht selten schon extrem jung erkrankt: Das Alter zum Zeitpunkt der Diagnose gilt heute als einer der wichtigsten Hinweise auf veränderte Erbinformationen.
Träger solcher Gene können die ersten in ihrer Familie sein, wenn bei ihnen die Mutation zufällig aufgetreten ist. Oft ergibt die Prüfung des Familienstammbaums aber, dass es schon andere an Darmkrebs Erkrankte gab, über mehrere Generationen hinweg. Sie vererben die verantwortliche Genmutation mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit an ihre Kinder. Im statistischen Mittel habt also etwa die Hälfte der Nachkommen ebenfalls ein deutlich gesteigertes Darmkrebsrisiko.
Bei einigen dieser Unterformen von Darmkrebs kann auch die Wahrscheinlichkeit höher als normal sein, an anderen Tumorarten zu erkranken.

Zu den Erkrankungen, die auf eine der heute bekannten Genmutationen zurückgeführt werden, zählen

  • die familiäre adenomatöse Polyposis (FAP): Bei den Betroffenen bilden sich oft schon vor dem 20. Lebensjahr Hunderte von Polypen im Dickdarm aus, die Krebswahrscheinlichkeit ist extrem hoch. Derzeit besteht daher die Empfehlung, bei sicherem Nachweis der zugrunde liegenden Genveränderung den Dickdarm vorsorglich operativ zu entfernen. Weitere Tumoren werden häufig beobachtet, zum Beispiel in der Schilddrüse, außerdem auch gutartige Gewebeveränderungen. Eine Unterform der FAP verläuft ähnlich, die Erkrankung setzt aber später ein (attenuiert, daher attenuierte FAP oder AAPC), und es bilden sich weniger Polypen aus.
  • Das erbliche oder hereditäre kolorektale Karzinom (anhand der englischen Bezeichnung auch als HNPCC abgekürzt) ist schwieriger zu diagnostizieren, weil sich das Krankheitsbild auf den ersten Blick wenig von dem der meisten anderen Patienten unterscheidet. Weder gibt es die auffälligen Polypen wie bei der FAP. Noch sind die Patienten so jung, auch wenn der Altersdurchschnitt deutlich niedriger als der bei Betroffenen mit nicht erblichem Darmkrebs ist. Das Tumorrisiko ist hoch, allerdings erkrankt nach heutigem Kenntnisstand längst nicht jeder Betroffene mit den entsprechenden Genveränderungen. Auch bei HNPCC ist das Risiko, an anderen Krebsformen zu erkranken, deutlich erhöht.
  • Es gibt weitere, noch seltenere erbliche Genveränderungen, die das Darmkrebsrisiko ebenfalls erhöhen.

Umsetzung: Kriterien für den Verdacht auf familiären Darmkrebs

Die behandelnden Ärzte eines Darmkrebspatienten sind erste Ansprechpartner, die der Betroffene auch nach dem Risiko für seine Verwandten befragen kann. Zumindest beim Krankheitsbild der FAP liegt der Verdacht auf eine Vererbbarkeit allein schon aufgrund der auffälligen Unterschiede zu "spontanen" Erkrankungen nahe.
Heute gibt es außerdem mehrere Kriterienkataloge bei Verdacht auf Hochrisikogene in einer Familie. Dazu gehören die sogenannten Amsterdam-Kriterien:

- Mindestens drei Familienmitglieder sind an Dickdarmkrebs (Kolonkarzinom, Rektumkarzinom), und/oder an Krebs des Gebärmutterkörpers (Endometriumkarzinom), an einem Dünndarmkarzinom oder Krebs des Nierenbeckens oder der Harnleiters (Urothelkarzinom) erkrankt. Davon sind mindestens zwei Verwandte ersten Grades.
- Es sind zwei oder mehr aufeinander folgende Generationen betroffen.
- Ein Erkrankter war zum Diagnosezeitpunkt jünger als 50 Jahre.

In den USA wurden diese Kriterien noch erweitert: Die so genannten "Bethesda"-Kriterien nennen alle Punkte der Amsterdam-Liste, raten aber zusätzlich Angehörigen von Patienten zu einer Beratung, die zeitgleich oder nacheinander an zwei der genannten Krebsarten erkrankt sind. Sie weisen außerdem auf besondere Unterformen von Tumoren hin, die ebenfalls ein Hinweis auf ein hohes vererbbares Risiko sein können (vollständige Kriterienkataloge für Fachleute unter www.dgvs.de/media/Leitlinie.pdf, Anlage 1 bis 3).

Umsetzung: Gibt es einen Gentest?

Zentren für familiären Darmkrebs
Die Deutsche Krebshilfe fördert Zentren, in denen Spezialisten aus verschiedenen Fachgebieten in der Betreuung betroffener Familien und der Beratung von Risikopersonen zusammenarbeiten, mehr unter www.krebshilfe.de.

Die Bundesärztekammer hat eine Richtlinie entwickelt, die den Rahmen für eine genetische Beratung und die Testung auf ein besonderes Krebsrisiko bietet, mehr unter www.baek.de.

Für Patienten und ihre Familienangehörige besteht die Möglichkeit einer genetischen Beratung und Untersuchung in besonders dafür qualifizierten Zentren. Die dort zusammen arbeitenden Spezialisten können anhand der oben genannten Kriterien prüfen, ob ein Gentest möglich und angebracht ist.

Mit einem hohen Krebsrisiko zu leben oder sogar vorsorgliche Operationen vornehmen lassen zu müssen, ist psychologisch sehr belastend. Eine genetische Beratung und auch die genetische Testung sind daher freiwillig und unterliegen strengen Richtlinien - niemand kann oder darf gegen seinen Willen und ohne ausreichende Aufklärung untersucht werden. Das Recht auf Nichtwissen ist garantiert. Auch der Schutz vor einem Missbrauch des Wissens muss gewährleistet sein.
Fällt ein Gentest bei Angehörigen eines Patienten negativ aus, sind sie also keine Träger der Erbanlage für Darmkrebs, dann liegt ihr Risiko aber nicht höher als das der Normalbevölkerung.

Schwieriger wird die Klärung für Familienangehörige bereits verstorbener Patienten, von denen kein Material für einen Vergleichstest verfügbar ist. Jedoch haben auch sie die Möglichkeit einer umfassenden Beratung und einer Untersuchung in den spezialisierten Zentren, wo sie sich über für sie geeignete Maßnahmen der Früherkennung und der Vorbeugung informieren lassen können.

Weitere Auslöser:
Sind Verdauungsprobleme und andere Darmerkrankungen krebsfördernd?

Betroffene, die über längere Zeit unter Verstopfung oder Durchfall leiden oder befürchten, ein so genanntes Reizdarm-Syndrom (mehr unter www.internisten-im-netz.de/de_was-ist-ein-reizdarm_137.html) zu haben, machen sich oft auch Sorgen um ihr Krebsrisiko.
Die meisten Verdauungsbeschwerden sind allerdings eher lästig als gefährlich. Verdauungsprobleme, die längere Zeit anhalten, sollten zur Sicherheit trotzdem immer durch den Arzt abgeklärt und behandelt werden, dennÄnderungen von Stuhlgewohnheiten können auch ein Frühzeichen von Darmkrebs sein. Der Arzt kann auch am besten beurteilen, ob eine Änderung des Lebensstils sinnvoll ist - nicht wenige Verdauungsprobleme sind ein Hinweis darauf, dass es hier Verbesserungsbedarf geben könnte.
Lange diskutierten Fachleute, ob der häufige Gebrauch von Abführmitteln das Darmkrebsrisiko steigern kann. Die aktuelle Datenlage belegt allerdings, dass es nicht die abführenden Medikamente (Laxantien) sind, die das Risiko beeinflussen, sondern eher die Ernährungs- und Lebensgewohnheiten, die zu chronischer Verstopfung führen.

Colitis ulcerosa, Morbus Crohn

Ein gesteigertes Krebsrisiko ist bislang nur für zwei ernstere Darmerkrankungen belegt: Bei Colitis ulcerosa handelt es sich um eine chronische Entzündung des Dickdarms, die heute bei entsprechender Behandlung gelindert werden kann, aber nicht dauerhaft heilbar ist. Als Morbus Crohn bezeichnet man eine ähnliche Erkrankung, die bei den meisten Patienten den letzten Dünndarmabschnitt betrifft; ein Befall des Dickdarms ist möglich, aber selten.

Eine Colitis ulcerosa scheint das Risiko für ein Kolonkarzinom zu steigern, wie sehr, ist abhängig vom Ausmaß der chronischen Entzündung und vom Alter, in dem die ersten Symptome auftraten. Auch Patienten mit Morbus Crohn haben möglicherweise ein höheres Risiko für Dickdarmkrebs als gesunde Menschen, allerdings gibt es zur Erkrankungswahrscheinlichkeit noch keine verlässlichen Angaben.

Umsetzung: Was tun zur Vorbeugung und Früherkennung?

Zum Weiterlesen

Patienten, bei denen eine dieser Erkrankungen festgestellt wurde, sind meist in engmaschiger medizinischer Betreuung. Sie sollten ihre Ärzte auf geeignete Früherkennungsmaßnahmen ansprechen.

Die aktuelle Leitlinie zum Thema Darmkrebs empfiehlt Patienten mit ausgeprägter Colitis (Pancolitis ulcerosa), die länger als acht Jahre besteht, eine jährliche Darmspiegelung. Dabei sollten Gewebeproben aus möglichst allen Dickdarmabschnitten entnommen werden. Aus Studien weiß man, dass Patienten mit Colitis eventuell ihr Krebsrisiko durch Medikamente senken können. Dazu gehören zum Beispiel chemische Verwandte der Acetylsalicylsäure ("Aspirin"). Da eine solche medikamentöse Vorbeugung aber auch Risiken bergen kann und aus wissenschaftlicher Sicht zum Nutzen ebenfalls noch Fragen offen sind, sollten Betroffene auf keinen Fall auf eigene Faust handeln, sondern Arzneimittel zur Prävention nur in Absprache mit ihren Ärzten einnehmen.

Für Patienten mit Morbus Crohn bestehen derzeit noch keine festgelegten Empfehlungen im Sinn einer Leitlinie. Sie sollten mit ihren Ärzten eine individualisierte Betreuung besprechen.



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Seite drucken   Zuletzt aktualisiert: 10.02.2009