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Welche Empfehlungen heute für Gesunde gelten, welche für Krebspatienten und wie der aktuelle Stand der Forschung zu Vitaminen und Mineralstoffen aussieht, hat der Krebsinformationsdienst im folgenden Text zusammengestellt. Genutzte Quellen und Linktipps finden sich am Ende dieser Seite.
Viele Vitamine kann der menschliche Stoffwechsel tatsächlich nicht selbst herstellen. Vitamin A und Carotin als seine chemische Vorstufe, die B-Gruppe, die Vitamine C, D, E und K sowie Mineralstoffe und weitere Substanzen müssen über die Nahrung zugeführt werden.
Echte Vitaminmangelerkrankungen kommen in den Industrieländern trotzdem schon seit langem kaum mehr vor. Daran haben auch die Industrialisierung der Landwirtschaft und die große Rolle nichts geändert, die Fertiglebensmittel heute im Alltag spielen. Deutschland ist kein "Vitaminmangel-Land" - darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) schon seit Jahren hin.
Doch ist die durchschnittliche Versorgung über die Ernährung wirklich optimal? Oder reicht sie vielleicht gerade nur dazu aus, Vitaminmangelkrankheiten zu verhüten?
Aus wissenschaftlicher Sicht konnte diese Frage bis vor wenigen Jahren nicht sicher beantwortet werden. Es erschien daher folgerichtig, den Einfluss zusätzlich zur Nahrung gegebener Vitamine und Mineralstoffe in Studien zu testen: zur Krebsvorbeugung wie auch zur Verhütung anderer schwerer Erkrankungen, oder auch zur Verzögerung des Alterungsprozesses.
Die Forscher setzten zunächst vor allem auf die so genannte antioxidative Wirkung vieler Vitamine und Mineralstoffe: In Tablettenform gegebenes Vitamin A, Carotine, Vitamin C oder E sowie Selen sollten Zellen und Gewebe so umfassend wie möglich vor so genannten freien Radikalen oder anderen aggressiven Molekülen schützen. Dies würde, so die Hoffnung, auch das Krankheitsrisiko senken.
Zur Überraschung vieler Experten lieferten diese Studien schon sehr bald ganz andere und zum Teil auch widersprüchliche Ergebnisse. Einige Untersucher sahen große Erfolge, andere fanden gar keinen Effekt. Und in neueren Studien zeigt sich:
Ähnlich enttäuschend ist die Datenlage bei anderen Erkrankungen als Krebs, zum Beispiel für den Schutz vor Infektionen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Ersten Alarm bei Krebsforschern löste eine Untersuchung aus, die in den 90ern durchgeführt und bei Bekanntwerden der Ergebnisse abgebrochen wurde: In der CARET-Studie stieg die Lungenkrebsrate bei Rauchern, die Vitamintabletten eingenommen hatten, statt wie vermutet zu sinken.
Die Anwendung des bei der Studie eingesetzten Provitamins Beta-Carotin, eine Vorstufe von Vitamin-A, und seiner chemischen Verwandten ist seitdem in fast allen Ländern streng reglementiert: Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) verlangt in Deutschland von allen Vitaminherstellern, die Beimischung von Carotinen zu begrenzen. Auch für das Hinzufügen von Carotinen zu Lebensmitteln oder selbst zu Arzneimitteln gibt es zum Schutz der Verbraucher Höchstgrenzen.
Vor wenigen Jahren nahm eine andere, viel beachtete Studie einen ähnlichen Verlauf: In den USA wurde die so genannte SELECT-Untersuchung abgebrochen.
An dieser "Selen und Vitamin E Krebspräventionsstudie" hatten seit 2001 insgesamt mehr als 35.000 Männer im Alter über 50 teilgenommen. Sie erhielten entweder Selen oder Vitamin E, eine Kombination aus beiden Stoffen, oder eine gleich aussehende Tablette, die gar keine Wirkstoffe enthielt, ein sogenanntes Placebo. Aufgrund früherer Studien waren die verantwortlichen Forscher davon ausgegangen, dass beide Substanzen das Risiko für ein Prostatakarzinom senken konnten und eventuell sogar bei bereits Erkrankten den Krankheitsverlauf günstig beeinflussten.
Im Oktober 2008 musste die Studie jedoch abgebrochen werden. Bei den Teilnehmer ließ sich kein Schutzeffekt erzielen: Weder Vitamin E oder Selen allein noch die Kombination beider Stoffe senkte das Risiko für Prostatakrebs. Den Probanden wurde mitgeteilt, sie sollten die Substanzen absetzen.
Eine abschließende Auswertung von 2011 belegt sogar ein Risiko: Von den Männern, die Vitamin E eingenommen hatten, erkrankten mehr an einem Prostatakarzinom als in der Kontrollgruppe.
Dass Selen zwar vermutlich nicht schadet, aber wahrscheinlich auch keine positiven Wirkungen hat, bestätigt auch eine Überblicksarbeit im Auftrag der Cochrane Collaboration: Die Autoren raten von der Einnahme von Selen ab.
Ende Februar 2007 erschien in der Zeitschrift "Journal of the American Medical Association" eine Analyse von insgesamt 68 Studien zur Wirkung so genannter Antioxidantien, darunter Beta-Carotine, die Vitamine A, C, E und Selen. Insgesamt konnten die Daten von mehr als 232.000 Studienteilnehmern ausgewertet werden. Die verantwortlichen Autoren befassen sich schon länger mit dem Thema; sie sind auf die Analyse von wissenschaftlichen Daten und den kritischen Blick auf die Durchführung und die Qualität von Studien spezialisiert.
Laut ihrer Auswertung ließ sich keiner der in den Einzelstudien erhofften günstigen Effekte bestätigen. Im Gegenteil:
Wodurch dies zustande kommt, konnten die Wissenschaftler anhand der vorliegenden Daten nicht sagen. Sie vermuten jedoch einen Anstieg der Krebserkrankungen sowie eine höhere Rate an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Risiken durch Vitamin A und E sind inzwischen bekannt. Ob auch Vitamin C schadet, ist derzeit noch nicht ausreichend geklärt. Da die wenigsten Menschen Vitamin C alleine eingenommen hatten, ließ sich der alleinige Effekt dieses Vitamins nicht sicher beurteilen.
Immer mehr große Studien kommen zu einem ähnlichen Ergebnis: Wer regelmäßig Vitaminprodukte einnimmt, lebt kürzer.
Trotz dieser enttäuschenden Erkenntnisse gehören in den meisten Industrieländern isolierte "Vitalstoffe" für viele Menschen zur normalen Ernährung: In den USA verwenden beispielsweise rund 35 Prozent der Bevölkerung regelmäßig Multivitaminprodukte und Mineralien.
Im September 2006 warnte dementsprechend eine amerikanische Expertengruppe im Auftrag der Nationalen Gesundheitsinstitute der USA: Weder Nutzen noch Risiken dieser weiten Verbreitung von Vitaminen und Mineralstoffen seien derzeit ausreichend beurteilbar.
Auch in Deutschland gehen die zuständigen Behörden sehr kritisch mit dem Thema um. Die Mehrzahl der Vitamine und Mineralstoffe ist zudem nicht als geprüftes Arzneimittel auf dem Markt, sondern als so genanntes Nahrungsergänzungsmittel. Rein rechtlich haben sie damit kaum einen anderen Stellenwert als normale Lebensmittel; sie dürfen insbesondere keine arzneiliche Wirkung haben, so das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Auch die Werbung mit gesundheitsbezogenen Aussagen ist streng reglementiert.
Sorge bereitet dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) die zunehmende Anreicherung von Lebensmitteln mit Vitaminen und Mineralstoffen – vom ACE-Saft über die Frühstücksflocken bis zum Kinderbonbon gibt es kaum noch eine Produktgruppe, die nicht mit der Vitaminanreicherung wirbt, obwohl weder ein Nutzen noch die Risiken ausreichend abgeklärt sind. Mit einheitlichen Höchstmengen soll der Verbraucher seit 2005 vor dieser nur vermeintlich "gesunden" Überdosierung geschützt werden.
Vor besonders hoch dosierten Produkten hatte das Bundesinstitut schon früher immer wieder ausdrücklich gewarnt. Darunter fallen zum Beispiel die Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel, die vor einigen Jahren durch den Arzt Matthias Rath von den Niederlanden aus auch in Deutschland vermarktet wurden - an den gesetzlichen Bestimmungen vorbei (eine Pressemitteilung unter www.bfr.bund.de/de/presseinformation/2000/A/hochdosierte_vitaminprodukte_sind_
keine_nahrungsergaenzungsmittel-543.html).
Fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag zur Krebsvorbeugung, wie es die meisten Länder heute empfehlen - viele Menschen glauben, dies im Alltag nicht zu schaffen.
Um sich trotzdem ausreichend mit Vitaminen zu versorgen, greifen gesundheitsbewusste Verbraucher daher heute gerne zu Nahrungsergänzungsmitteln, die laut Werbung aus Obst und Gemüse hergestellt werden.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) weist allerdings darauf hin, dass jeglicher Beweis für den Nutzen solcher Produkte fehlt. Auch könne niemals die ganze Vielfalt von wertvollen Inhaltsstoffen einer Frucht oder eines Gemüses in eine Tablette gepresst werden. Ob der Körper die in den Presslingen, Kapseln oder Konzentraten vorhandenen Inhaltsstoffe in dieser ungewöhnlichen Form überhaupt aufnehmen kann, ist ebenfalls nicht belegt - Daten zur so genannten Bioverfügbarkeit liegen nicht vor.
Von den Vitaminen und Spurenelementen, die man mit Obst, Gemüse oder anderen Lebensmitteln aufnimmt, sind bisher keine negativen Effekte auf die Gesundheit bekannt.
Möglicherweise sind es auch gar nicht die Vitamine, die für die positiven Effekte von Obst und Gemüse verantwortlich sind: Welche Inhaltsstoffe tatsächlich vor Krebs schützen, lässt sich nicht auf eine einfache Formel reduzieren, so der Stand der Kenntnisse: Wie gut jemand mit Vitaminen versorgt ist, sehen viele Forscher heute eher als Hinweis oder "Marker" dafür an, ob die Ernährung insgesamt ausgewogen und vielfältig ist.
Viele weitere Substanzen kommen als Schutzstoffe in Frage, die anscheinend bei einem sorgfältig zusammengestellten Speiseplan automatisch in ausreichender Menge und auch in den "richtigen" Kombinationen aufgenommen werden.
Nationale Behörden und Expertengruppen vieler Länder raten daher auf der Basis des momentanen Wissensstandes zu einer Ernährung mit möglichst viel Obst und Gemüse und wenig Fett, außerdem zu viel Bewegung, mehr dazu im Text „Lebensstil und Krebsrisiko“.
Nur für wenige Risikogruppen oder Situationen gelten heute noch Empfehlungen zur zusätzlichen Gabe von Vitaminen und Mineralstoffen. Hier beziehen sich Fachleute auf den tatsächlichen Nachweis einer Unterversorgung: Das bekannteste Beispiel ist die Vorbeugung von Schilddrüsenerkrankungen durch eine zusätzliche Gabe von Jod, heute meist gekoppelt mit der Gabe von Fluor zur Vermeidung von Zahnkaries. Auch das Vitamin Folsäure hat einen belegten Nutzen. Kalzium kann vor allem für ältere Frauen eine wichtige Rolle spielen, mehr dazu beim Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR).
Was für Gesunde gilt, gilt auch für die meisten Krebspatienten: Der World Cancer Research Fund rät Betroffenen von Nahrungsergänzungsmitteln ab.
Bisher fehlen nicht nur die Belege dafür, dass Vitamine oder andere Produkte gegen Krebs helfen. Es gibt einige Studien, die zeigen, dass Nahrungsergänzungsmittel sogar die Krebstherapie behindern können - sie vertragen sich nicht mit wichtigen Medikamenten. Rein von der Theorie her ist auch nicht auszuschließen, dass Antioxidantien sogar den Effekt einer Bestrahlung beeinflussen.
Im Verlauf einer Krebserkrankung kann sich der Ernährungszustand von Krebspatienten allerdings verschlechtern: Sie verlieren an Gewicht, können möglicherweise nicht mehr alle Nahrungsmittel vertragen oder sind aufgrund von Vorerkrankungen oder Lebensgewohnheiten schon länger nicht mehr optimal ernährt gewesen. Die Therapie trägt oft noch dazu bei, dass die Freude am Essen oder sogar die Fähigkeit zur ausreichenden Nährstoffaufnahme verloren gehen. Bei diesen Patienten kann es nicht nur zu Untergewicht, sondern tatsächlich auch zu einer Mangelversorgung an Vitaminen und Mineralstoffen kommen.
Auch hier sind Tabletten allerdings nur selten die Lösung: Wichtiger ist eine individuelle Beratung, bei der geklärt wird, wie die Ernährungssituation insgesamt verbessert werden kann. Eine solche Ernährungsberatung steht heute in den meisten großen Kliniken und Reha-Einrichtungen zur Verfügung, auch die betreuenden Ärzte und die Krankenkassen können Angebote vermitteln.
In den deutschen und europäischen Leitlinien zur Ernährungstherapie bei Krebs gehen die Fachleute davon aus, dass immer zuerst versucht werden sollte, Mangelzustände über die Ernährung auszugleichen. Kann ein Patient nicht ausreichend essen, stehen eigens hierfür zusammengestellte Trinknahrungsprodukte oder "Astronautenkost" zur Verfügung – auch hier stellen Vitamintabletten keine Alternative dar.
Patienten mit Krebserkrankungen, bei denen bestimmte Vitamine nicht mehr aufgenommen werden können, müssen ebenfalls mit Spezialprodukten auf Rezept versorgt werden. Dies gilt etwa für Betroffene nach einer Magenkrebsoperation.
Kostenlose Broschüren zur Krebsvorbeugung und zur Ernährung bei Krebs hat der Krebsinformationsdienst hier aufgelistet.
Bundesinstitut für Risikobewertung, www.bfr.bund.de und Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, www.bvl.bund.de:
Beide Bundesinstitute befassen sich mit den Themen Vitamine, Mineralstoffe und Nahrungsergänzung. Die Eingabe entsprechender Begriffe in die Suchmaschine der beiden Internetangebote führt zu vielen Informationen und auch Stellungnahmen zum Sinn und Unsinn von Vitaminpräparaten.
Zwei grundlegende Bewertungen aus dem Jahr 2004, die sich allerdings eher an Fachleute richten, sind unter www.bfr.bund.de, Stichwort "Lebensmittel", Stichwort "Lebensmittelsicherheit" und weiter zu "Nahrungsergänzungsmittel abzurufen: "Verwendung von Vitaminen in Lebensmitteln" und "Verwendung von Mineralstoffen in Lebensmitteln".
Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE; www.dge.de):
Unter dem Stichwort "Wissenschaft" finden sich beispielsweise Referenzwerte für die empfohlene Zufuhr von Nährstoffen und auch Vitaminen und Mineralstoffen. Die DGE gibt zudem Stellungnahmen ab und bewertet Produkte wie etwa Nahrungsergänzungsmittel aus Gemüsen.
Infodienst Verbraucherschutz, Ernährung, Landwirtschaft:
Für Verbraucher gibt es viele Informationen unter www.aid.de, die Möglichkeit, Fragen an Ernährungsexperten zu stellen, bietet auch das zugehörige Portal www.waswiressen.de.