Deutsches Krebsforschungszentrum - Krebsinformationsdienst


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Medikamente und Krebsrisiko (1): Gefahr auf Rezept?

Rezeptpflichtige Medikamente

Von rezeptpflichtigen zugelassenen Medikamenten geht normalerweise kein Risiko aus, das nicht in Studien vor der Zulassung gründlich untersucht worden wäre. Tatsächlich gibt es einige Mittel, die das Risiko für bestimmte Krebsarten erhöhen: Auf diese kann angesichts der Schwere der Erkrankungen, gegen die sie eingesetzt werden, trotzdem meist nicht verzichtet werden – eine Nichtbehandlung wäre für betroffene Patienten weit gefährlicher.

Was im Internet, in Chats und Diskussionsforen an Gerüchten über eine angebliche Krebsgefahr selbst durch rezeptfreie Arzneimittel  gelegentlich verbreitet wird, gehört allerdings fast immer in die Kategorie Panikmache. Der Krebsinformationsdienst hat für Patienten und Interessierte zusammengestellt, was tatsächlich dran ist an der Krebsgefahr durch Arzneimittel, und nennt weitere Ansprechpartner.

Chemotherapie: Sind Langzeitfolgen möglich?

Ausgerechnet die wichtigsten Medikamente, mit denen Krebs geheilt werden soll, können als Langzeitfolge eine Zweiterkrankung nach sich ziehen - fast alle Mittel, mit denen Krebszellen am Wachstum und an der Teilung gehindert werden sollen, greifen an der Erbsubstanz an: Sie bieten zum Beispiel falsche "Bausteine" für die Vervielfältigung dieser genetischen Information an, sie stoppen den Zellzyklus durch Eingriffe in den Stoffwechsel der Teilung.

Tumorzellen sind viel stärker betroffen als gesunde, weil sie sich häufiger teilen. Doch ganz ohne Wirkung bleiben die meisten Zytostatika auch in normalem Gewebe nicht. So können sie, wenn auch mit vergleichsweise geringer Wahrscheinlichkeit, Jahre später eine zweite Krebserkrankung auslösen. Pauschale Angaben wie hoch dieses Risiko tatsächlich ist, sind kaum möglich: Die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Krebserkrankung hängt stark von den verwendeten Substanzen ab, von der Höhe der Dosis und der Anzahl der Therapiezyklen. Auch das Alter der Patienten spielt eine Rolle. Im Vergleich zur Wahrscheinlichkeit, an der unbehandelten primären Krebserkrankung zu sterben, ist die Gefährdung sehr gering.

Auf jeden Fall müssen Patienten ihre persönliche Gefährdung mit ihren Ärzten abklären: Informationen aus dem Internet können hier allenfalls einen Rahmen für Fragen in einem solchen Gespräch vorgeben und sollten nicht pauschal Anlass zur Beunruhigung sein. Das Risiko einer unbehandelten Krebserkrankung ist auf jeden Fall wesentlich höher als das, eine Zweitkrebserkrankung zu erleiden. Diese Prüfung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses ist Voraussetzung für die Zulassung auch bei Krebsmedikamenten.

Ausführliche Hintergrundinformationen finden Patienten und Interessierte beim Thema Chemotherapie.

Andere Krebstherapien: Hormonentzug mit Folgen?

In der Therapie von Brustkrebs werden nach erfolgreicher Operation und auch in einigen anderen Situationen so genannte Antiöstrogene angewendet. Sie bieten einen wichtigen Schutz, wenn der Tumor der Patientin auf Hormone mit Wachstum reagiert hatte.

Allerdings bewirkt die sehr häufig verwendete Substanz Tamoxifen verstärktes Wachstum von Zellen der Gebärmutterschleimhaut. Daraus kann sich - selten - ein Tumor entwickeln, ein so genanntes Endometriumkarzinom. Patientinnen, die nach Brustkrebs Tamoxifen erhalten, werden über dieses Risiko aufgeklärt; sie sollten unbedingt regelmäßig untersucht werden. So lassen sich Veränderungen der Gebärmutterschleimhaut frühzeitig feststellen und behandeln. Da ungewöhnliche Blutungen ein erster Hinweis auf Zellveränderungen sein können, sind sie ein Anlass, auch außerhalb der vereinbarten Kontrolltermine zum Arzt zu gehen.

Das Antiöstrogen Toremifen wirkt vermutlich ähnlich, so die Fachinformationen der Anbieter. Hier gelten die gleichen Empfehlungen zur regelmäßigen Kontrolle. Für die relative neue Substanz Faslodex liegen noch keine ausreichenden Daten vor, nach bisherigem Kenntnisstand scheint sie die Gebärmutterschleimhaut nicht ungünstig zu beeinflussen.

Von den anderen zur Brustkrebstherapie eingesetzten Mitteln, die sich auf den Hormonspiegel auswirken, geht nach bisherigem Kenntnisstand kein Krebsrisiko aus.

Von den Antihormon-Medikamenten, die bei Männern gegen Prostatakrebs eingesetzt werden, ist nach bisheriger Datenlage nicht bekannt, dass sie weitere Tumorformen fördern könnten.

Mittel gegen Viren: Wachstumsstopp auch für gesunde Zellen?

In die Diskussion gerieten auch Mittel, die gegen Viren eingesetzt werden. Von einigen stellte die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC, www.iarc.fr) nach Prüfung aller Daten im Jahr 2000 fest, dass das Krebsrisiko nicht belegt ist, andere haben dagegen bei längerer Anwendung im Tierversuch eine Krebs fördernde Wirkung.

Unter den im Jahr 2000 weitgehend "freigesprochenen" Mitteln gegen Viren ist zum Beispiel die Substanz Acyclovir (Aciclovir), die gegen Herpes wirkt und etwa in Salben gegen Lippenbläschen enthalten ist. Sie scheint nicht gefährlich zu sein, selbst wenn sie geschluckt oder als Infusion gegeben wird.

Rein theoretisch geht von solchen Mitteln ein gewisses Krebsrisiko aus, die am Stoffwechsel der Erbsubstanz ansetzen. Hierzu zählen vor allem Medikamente gegen HIV und AIDS. Doch die Daten aus Tierversuchen hierzu sind nicht endgültig einschätzbar; ob sie auf den Menschen übertragbar sind, bleibt derzeit offen. Wie bei anderen schweren Erkrankungen müssen Ärzte mit ihren Patienten hier die Risiken gegen den nachgewiesenen Nutzen abwägen.

Hormone gegen Wechseljahresbeschwerden: Risiko unterschätzt?

Lange unterschätzt wurden die Risiken einer Hormonersatztherapie gegen Wechseljahresbeschwerden: Sie wirkt sich deutlich auf das Brustkrebsrisiko aus und sollte nur noch angewendet werden, wenn sich Beschwerden im Klimakterium nicht anders lindern lassen und sehr belastend sind.
Auch dann raten Experten, zum Beispiel vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM, www.bfarm.de), die Hormonersatztherapie nur möglichst kurz anzuwenden. Dies betrifft Mittel, die die Hormone Östrogen und Gestagen kombinieren. Östrogen allein erhöht außerdem das Risiko für Krebs der Gebärmutterschleimhaut und sollte überhaupt nur bei Frauen eingesetzt werden, die keine Gebärmutter mehr haben.

Mehr zu den Vor- und Nachteilen einer Hormonersatztherapie hat der Krebsinformationsdienst in eigenen Texten zusammengestellt.

Die "Pille": Gesamtnutzen überwiegt das Risiko?

Die "Pille" ist das sicherste Mittel, um eine Schwangerschaft zu verhüten, auch unter gesundheitlichen Aspekten. Die meisten Präparate unterdrücken durch die Gabe von Hormonen den Eisprung. Die so genannten Mini- oder Mikropillen wirken dagegen eher über die Blockade des Aufbaus von Gebärmutterschleimhaut, in die sich ein befruchtetes Ei einnisten könnte. Heute werden für die so genannten oralen Kontrazeptiva überwiegend Hormone verwendet, die den körpereigenen Botenstoffen Östrogen und Gestagen chemisch ähnlich, aber nicht völlig gleich sind.

"Pillen" mit Östrogenen und Gestagenen schützen vor Krebs der Gebärmutter (Endometriumkarzinom) und Eierstockkrebs: Sie senken das Risiko, an diesen Tumorformen zu erkranken.

Im Juli 2005 veröffentlichte die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) eine Analyse vorliegender Daten, nach denen diesem Nutzen unter anderem ein geringfügig erhöhtes Brustkrebsrisiko entgegen steht. Die Erhöhung des Brustkrebsrisikos hat sich allerdings spätestens zehn Jahre nach Ende der Einnahme in den Statistiken wieder verloren. Abhängig von der Einnahmedauer wird auch das Risiko für Zervixkarzinome und Lebertumoren geringfügig gesteigert. 
Ob der Gesamtnutzen der "Pille" insgesamt auf lange Sicht nicht sogar im Vergleich zum Brustkrebsrisiko überwiegt, konnten die Experten angesichts fehlender Daten 2005 noch nicht sagen: Die IARC forderte weitere Forschungen zum Thema.

Eine im September 2007 in der Fachzeitschrift "British Medical Journal" veröffentlichte Untersuchung kommt dieser Aufforderung nach: Die Forschergruppe um Philip Hannaford aus dem britischen Aberdeen hat seit 1968 das Schicksal von Frauen nachverfolgt, die die "Pille" einnahmen.
Sie verglichen die Krebshäufigkeit mit der in einer Kontrollgruppe, die keine oder eine andere Methode zur Empfängnisverhütung benutzte. Um auszugleichen, dass die meisten Frauen Hormone nur einige Jahre einsetzten, rechneten die Wissenschaftler für die statistische Auswertung mit "Einnahmejahren" statt Patientenzahlen und kamen so auf 744.000 "Pillenjahre" und 339.000 auswertbare Jahre in der Vergleichsgruppe.

Fazit:

Laut dieser umfassenden Studie bleibt für Frauen, die sehr lange die Pille einnehmen, außer dem leicht erhöhten Brustkrebsrisiko ein statistisch gering erhöhtes Risiko für ein Zervixkarzinom; eventuell auch ein erhöhtes Risiko für Hypophysentumoren und Tumoren des zentralen Nervensystems. Über mögliche ursächliche Zusammenhänge äußern sich die britischen Studienverantwortlichen nicht.  

Die "Pille" stellt aber, insgesamt für alle Krebsarten berechnet, unter dem Strich kein Risiko dar, im Gegenteil: Zumindest in dieser Studie ist die Gesamtkrebshäufigkeit bei Frauen, die die "Pille" nehmen, deutlich niedriger.

Die britischen Wissenschaftler fanden bei den Frauen in der Studie auch eine niedrigere Darmkrebsrate und eine niedrigere Rate an einigen anderen Tumorarten. Warum dies so ist, kann zurzeit noch nicht erklärt werden. Eine Möglichkeit, außer der bereits bekannten Schutzwirkung vor gynäkologischen Tumoren: Da Nutzerinnen regelmäßiger zum Arzt gehen als Nichtnutzerinnen, sind sie möglicherweise als Folge insgesamt gesünder. Allerdings wurden Frauen mit schweren Erkrankungen von vornherein nicht in die Studie aufgenommen.



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Seite drucken   Zuletzt aktualisiert: 24.09.2007