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Kann sich ein Tumor von allein zurückbilden? Was bei einem Schnupfen der Regelfall ist - die Spontanheilung auch ohne Behandlung - geschieht bei einer Krebserkrankung nur höchst selten. Durch die Medizingeschichte ziehen sich jedoch Berichte über Krebspatienten, die entgegen aller Erwartungen und vor allem ohne Behandlung wieder gesund wurden. Manche Aussage muss sicherlich in Zweifel gezogen werden, vor allem in historischen Berichten. Das Phänomen der "unerwarteten Genesung" ist jedoch auch Thema moderner Krebsforschung. Man weiß inzwischen, dass bei einigen wenigen Krebsarten die spontane Tumorrückbildung gar nicht so selten ist; und man beginnt auch die Mechanismen zu verstehen. Für die meisten Krebspatienten bietet der bisherige Forschungsstand allerdings wenig Anlass, auf eine Behandlung zu verzichten und stattdessen auf eine Spontanheilung zu hoffen. Der folgende Text des Krebsinformationsdienstes erläutert die Hintergründe.
Wenn ein Tumor sich von allein zurückbildet, ohne dass der Patient gezielt behandelt wurde, spricht man von einer "Spontanremission". Der Tumor kann sich bei einer Remission ganz oder auch nur teilweise zurückbilden, und er kann auch jederzeit wieder zu wachsen beginnen. Aus einer Remission lässt sich eine langfristige Heilung noch nicht sicher ableiten.
Eine "Spontanheilung" ist nicht dasselbe wie eine Spontanremission: Von dieser spricht man nur, wenn der Patient dauerhaft gesund wird, das "spontan" steht auch hier für "ohne Behandlung" oder für eine Situation, in der die vorgenommene Behandlung normalerweise nicht zu einer Genesung führen würde. Von einer Heilung geht man bei vielen Tumorarten erst aus, wenn der Betroffene fünf Jahre nach der Diagnosestellung keine Krankheitszeichen aufweist.
In vielen Berichten über angebliche Spontanheilungen wird nicht deutlich, ob die Patienten nur zeitweilig "in Remission" oder tatsächlich dauerhaft geheilt waren. Unklar bleibt in vielen Dokumenten auch, welche Faktoren zum Verschwinden eines Tumors beigetragen haben könnten: Betroffene, die selbst von einer spontanen Genesung berichten, schreiben dies meist dem eigenen Bemühen zu. Andere machen dafür diverse alternative Heilverfahren verantwortlich, die den Körper zur Selbstheilung angeregt haben sollen.
Nach heutigem Wissensstand lassen sich keine Empfehlungen geben, wie eine Spontanheilung herbeizuführen wäre. Therapieangebote, die etwas anderes versprechen, werden von Fachleuten deshalb als unseriös bezeichnet.
Wie häufig spontane Tumorrückbildungen sind, lässt sich kaum beziffern. Nicht immer sind sich Experten einig, ob die Rückbildung des Tumors nicht doch als Folge einer Behandlung anzusehen ist, oder wirklich unabhängig davon, also spontan passierte. Bei manchen vielleicht unerklärlichen Verläufen mangelt es auch schlicht an den notwendigen Informationen - weil Patienten den Arzt gewechselt haben, fehlen Unterlagen über früher durchgeführte Behandlungen. Bei anderen Berichten bestehen im Nachhinein Zweifel daran, dass der ursprüngliche Krebsverdacht überhaupt berechtigt war: Der Patient war möglicherweise gar nicht krebskrank.
Unsicherheiten kommen auch durch die heute mögliche Früherkennung von frühen Stadien oder Vorstufen von Krebs zustande, die vielleicht noch vor wenigen Jahren unentdeckt geblieben wären. Ohne moderne Untersuchungsverfahren wäre niemandem aufgefallen, wenn sich ein solcher - unentdeckter - Tumor auch ohne Behandlung wieder zurückgebildet hätte oder nicht weiter gewachsen wäre. Fachleute vermuten, dass etwa das sogenannte DCIS ("duktales Karzinom in-situ") ein Beispiel dafür sein könnte - eine Brustkrebsvorstufe in den Milchgängen, bei der die veränderten Zellen (noch) nicht in angrenzendes Gewebe wachsen oder Absiedlungen bilden. Aus Studien weiß man, dass nicht alle Patientinnen mit einem DCIS tatsächlich Brustkrebs entwickeln. Da bisher allerdings nicht feststellbar ist, bei welcher Frau die Zellen weiter wachsen werden und bei welcher nicht, empfehlen die aktuellen Leitlinien, ein DCIS grundsätzlich zu behandeln (Patientenleitlinie der Deutschen Krebsgesellschaft: www.krebsgesellschaft.de/download/patientenleitlinie_brustkrebs_100223.pdf).
Die meisten Beobachtungen an den im vorigen Abschnitt genannten, wenigen Tumorarten lassen sich nicht einfach auf andere Tumoren übertragen. Warum es bei manchen Patienten zu einer unerwarteten Genesung kommt, warum bei anderen zumindest zeitweilig keine Symptome mehr auftreten, ist noch nicht genau bekannt.
Fachleute diskutieren unterschiedliche biologische Abläufe, die dazu beitragen könnten. So könnte es zum Beispiel dazu kommen, dass die oft sehr unreifen, wenig "differenzierten" Tumorzellen doch noch zu normalen Zellen heranreifen. Ein viel diskutiertes Modell geht davon aus, dass Tumorzellen dadurch auch eine weitere Eigenschaft normaler Zellen entwickeln: die zum "programmierten Zelltod", auch "Apoptose" genannt. Dabei handelt es sich um das natürliche Absterben geschädigter oder gealterter Zellen.
Als Auslöser für Spontanremissionen kommen beispielweise auch Immunreaktionen infrage, die im Verlauf einer Infektion auftreten. Während normalerweise Krebszellen der Kontrolle des Immunsystems entgehen ("Immun-Editing"), könnte eine Infektion sie für die körpereigene Abwehr wieder "sichtbar" machen. Noch sind die Mechanismen nicht genau verstanden, die hierbei möglicherweise eine Rolle spielen.
Ein anderes Modell befasst sich mit der Unterbindung der Blutzufuhr des Tumors: Ab einer gewissen Größe einer Krebsgeschwulst reichen umliegende Blutgefäße nicht mehr aus, um den Tumor optimal mit Nährstoffen und Sauerstoff zu versorgen. Von den Krebszellen gehen dann Signale aus, die die Aderneubildung anregen, die sogenannte Angiogenese; ist der Tumor daraufhin von eigenen Blutgefäßen durchzogen, wächst er weiter. Es ist bekannt, dass Tumoren manchmal diesen Anschluss an die Blutversorgung nicht schaffen. Sie sterben ab.
Auch hormonelle Veränderungen können eine Rolle bei einer Tumorrückbildung spielen: Tumoren wie Brustkrebs oder Prostatakrebs sind von Sexualhormonen abhängig, von Östrogenen und Gestagenen bei Frauen, von Testosteron bei Männern. So wäre es zum Beispiel theoretisch möglich, dass bei Frauen, die in die Wechseljahre kommen und deren körpereigene Hormonproduktion nach und nach ausbleibt, hormonabhängige Krebsvorstufen wieder verschwinden könnten. Bei den vorgestellten Mechanismen handelt es sich noch um theoretische Modelle. Die Hoffnung ist: Je besser man die zugrundeliegenden Faktoren kennt, die bei einigen Patienten zu einer Spontanheilung führen, umso näher rücken Möglichkeiten, dieses Wissen für die Entwicklung neuer, gezielter Medikamente gegen Tumorzellen zu nutzen.
Auch sogenannte "psychoneuroimmunologische" Mechanismen sind Gegenstand der Diskussion: Hier setzt die Forschung an Zusammenhängen zwischen psychologischen Faktoren und messbaren Veränderungen des Immunsystems an. Nach diesem Modell würden soziale Unterstützung, die individuelle Herangehensweise an die Krankheitsverarbeitung, Persönlichkeitsfaktoren oder ein spiritueller Wandel zur Heilung beitragen. Bisher lassen sich jedoch noch keine zuverlässige Aussagen über psychologische Aspekte bei Spontanheilungen machen. Noch fehlt der Beleg, dass sich das Immunsystem tatsächlich gezielt durch die Psyche beeinflussen lässt und dies auch gegen Krebs hilft. Dementsprechend gibt es auch keine Tipps oder Verhaltensmaßregeln, mit denen Patienten selbst aktiv werden können. Weitere Informationen zu psychischen Einflüssen bei der Krebsentstehung bietet der Krebsinformationsdienst hier.
Internationale Studiengruppen sammelten in den vergangenen Jahren verfügbare Daten über Spontanheilungen. Gesucht wurde nach jeder Art von Auffälligkeiten, die mit der "unerwarteten Genesung" der Patienten hätte in Zusammenhang stehen können. In Deutschland waren dies beispielsweise Gruppen des Klinikums Nürnberg oder des Universitätsklinikums Heidelberg. Nach der Auswertung dieser Daten kamen die beteiligten Forscher zu dem Schluss: Empfehlungen, wie eine Spontanheilung zu fördern wäre, lassen sich daraus nicht ableiten.
Die Forschungen haben zudem gezeigt: Alternative Therapieansätze, zum Beispiel solche, die eine Stärkung des Immunsystems bewirken sollen, bieten ebenfalls keine Erfolgsaussichten. Dafür spricht zum Beispiel, dass spontane Tumorrückbildungen auch bei Erkrankungen mit deutlich gestörtem Immunsystem vorkommen, zum Beispiel bei Non-Hodgkin-Lymphomen oder vereinzelt sogar bei AIDS-Patienten mit Tumorerkrankungen.
Menschen, die selbst eine unerwartete Genesung erlebt haben, bringen dies meist mit dem eigenen Schicksal, dem eigenen Bemühen in Zusammenhang. Die Schilderungen dieser Menschen sind oft höchst eindrucksvoll. Sie machen aber auch deutlich, dass es nicht "den richtigen Weg zur Heilung" gibt, sondern dass jeder seinen eigenen, einzigartigen Weg eingeschlagen hat. Welche Formen der Krankheitsbewältigung heute als günstig gelten, warum aber starre Rezepte wie etwa das "positive Denken" sich nicht bewährt haben, hat der Krebsinformationsdienst in seinem Text "Krankheitsbewältigung" zusammengestellt. Über Möglichkeiten der Unterstützung informiert der Text "Psychologische Unterstützung".