
Gerne stehen die Mitarbeiter des Krebsinformationsdienstes Ihnen für weitere Auskünfte zur Verfügung – rufen Sie uns an: 0800 – 4 20 30 40, täglich von 8.00 bis 20.00 Uhr. Ihr Anruf ist für Sie kostenlos. Oder schreiben Sie eine E-Mail an krebsinformationsdienst@dkfz.deWas heißt "sanft" oder "alternativ", was bedeuten "komplementär" oder "natürlich" in der Krebstherapie? Welche Chancen stecken wirklich in der "anderen Medizin", wenn es um das Thema Krebs geht? Der folgende Text soll Patienten, ihre Angehörigen und Freunde dabei unterstützen, sich selbst einen Überblick zu verschaffen.
Auf den ersten Blick ist diese Frage ganz einfach zu beantworten: Alternativ, das hat für viele Menschen etwas mit Natur oder Naturheilkunde zu tun. Alternativ steht für "sanfte", "biologische", vielleicht auch "pflanzliche" Arzneimittel, die den Körper nach Einschätzung ihrer Anwender nicht belasten und keine oder kaum Nebenwirkungen haben. Oft werden heute auch Therapien als alternativ bezeichnet, die aus anderen Ländern nach Europa gelangt sind, zum Beispiel traditionelle chinesische Heilverfahren, indisches Ayurveda oder die Praktiken indianischer Schamanen. Eins ist allen diesen Begriffen gemeinsam: Sie stellen solche Therapieverfahren der so genannten Schulmedizin gegenüber und unterscheiden sie von ihr.
Geht es um das Thema Krebs, sehen allerdings nur wenige Menschen in der Alternativmedizin eine echte Alternative, also einen Ersatz für die schulmedizinischen Verfahren, für "Stahl, Strahl und Chemotherapie". Krebspatienten erhoffen sich eher unterstützende Effekte und die Linderung von Nebenwirkungen. Daher werden alternative Verfahren auch gerne als "komplementär" bezeichnet und ergänzend oder begleitend zur Schulmedizin gewünscht.
Schaut man einmal genauer nach, verschwimmen die vielen Begriffe und Definitionen jedoch schnell im Vagen und Ungewissen: Wirklich festgelegt ist es nicht, was nun zur "anderen Medizin" dazugehört und was nicht. Bei einer Sichtung von Veröffentlichungen und Büchern musste der Krebsinformationsdienst feststellen, dass zwar fast alle Autoren von "Alternativmedizin" sprachen, aber kaum zwei von ihnen die gleichen Verfahren dazuzählten. Noch größer werden die Unterschiede, wenn man über Ländergrenzen blickt: Was in den USA als "komplementär" gilt, wird in Deutschland von manchen Experten als selbstverständlicher "Standard" bewertet, und umgekehrt. Selbst bei ein und demselben Verfahren sind sich Fachleute aus verschiedenen Ländern oft nicht einig darüber, ob es nun "alternativ" ist oder nicht.
Ein gutes Beispiel aus der Krebsmedizin für diese Diskrepanzen sind Mistelpräparate:
Wissenschaftler und Ärzte, die sich mit dem Thema Alternativmedizin
intensiv auseinandersetzen, vermissen bei den meisten alternativen
Verfahren vor allem das Wichtigste: den Nachweis der Wirksamkeit nach
modernen wissenschaftlich-medizinischen Kriterien. Zum Nachweis der Wirkung gehört, was häufig vergessen wird, zum
Schutz von Patienten auch die saubere und nachvollziehbare
Dokumentation von möglichen Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit
anderen Medikamenten.
Vermischt wird außerdem viel zu häufig, so eine weitere Kritik, der
Stellenwert der Anwendung angeblich sanfter Verfahren bei
vergleichsweise harmlosen Beschwerden, etwa einem Schnupfen, mit dem
Einsatz gegen schwere und chronische Erkrankungen wie Krebs:
Einige sollen schlicht "gegen alles" gut sein, vom Schnupfen bis zur Tumorerkrankung, sie heilen angeblich nicht nur Krebs, sondern auch AIDS, Diabetes oder Rheuma. Aus heutiger Sicht und mit dem Wissensstand zu Beginn des 21. Jahrhunderts kann es solch "universelle" Medikamente aber gar nicht geben – zu verschieden sind die Entstehungsmechanismen, zu unterschiedlich die Folgen, die die jeweiligen Krankheiten im Körper haben.
Trotzdem sollten auch lange bewährte Methoden immer wieder der Überprüfung unterzogen werden, ob sie noch zeitgemäß sind oder sich nicht doch verbessern lassen: Auch die klassische Phytotherapie hat sich weiterentwickelt, und viele Wirkstoffe in modernen Arzneimitteln, die ursprünglich aus Pflanzen isoliert wurden, werden heute im Labor hergestellt, um eine kontrollierbarere Wirkung zu erzielen. Sonst würde man heute beispielsweise noch Weidenrindentee trinken, der starke Nebenwirkungen für den Magen und die Blutgerinnung hat, anstatt Kopfschmerzen mit einem besser kontrollierbaren reinen Präparat aus dem Hauptwirkstoff der Weide zu bekämpfen, der Acetylsalicylsäure ("Aspirin"). Gegen Tumorschmerzen gäbe es Opiumtinktur statt moderner Morphinmedikamente, die bei richtiger Anwendung weder benebeln noch abhängig machen; und Krebspatienten müssten ohne intensive moderne Forschung an Naturstoffen auf viele wichtige Mittel zur Chemotherapie verzichten, die zwar ursprünglich aus Pflanzen gewonnen wurden, als ungereinigter Presssaft oder Auszug jedoch nicht einsetzbar sind. Dazu gehören beispielsweise das Zytostatikum Vincristin, das auf Immergrün-Extrakte zurückgeht, sowie die Gruppe der Taxane, deren Wirkstoffe aus Eiben stammt.
Als alternativ verstandene Methoden bauen nicht selten auf Theorien auf, die schon im 19. Jahrhundert oder in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden. Damals kannte man die Mechanismen der Krebsentstehung noch nicht. Man wusste beispielsweise nichts von der Rolle der Gene – die Erbsubstanz DNS war noch gar nicht entdeckt.
Die wenigsten Behandlungsverfahren, die auf solchen älteren Hypothesen aufbauen, wurden später nach modernem wissenschaftlichem Standard überprüft, obwohl dies neuere Erkenntnisse eigentlich erforderlich gemacht hätten. Wer heute beispielsweise noch daran glaubt, dass jede Krebserkrankung auf kleine Geißeltierchen im Blut zurückzuführen sei, muss sich fragen lassen, wann er zuletzt einen Blick durch ein modernes Mikroskop geworfen hat. Aus dieser Vorstellung von "Krebserregern" aber drastische Abführ- oder Hungerkuren, die Behandlung mit giftigem Quecksilber oder andere regelrecht mittelalterliche Methoden zur Tumortherapie abzuleiten, kann nur als fahrlässig bezeichnet werden.
Vitamine und Spurenelemente in hoher Dosierung, Nahrungsergänzungsmittel zur Deckung angeblich zivilisationsbedingter Defizite, die Krebsvakzinen, die Hyperthermien als Überwärmungsbehandlung gegen fortgeschrittene Tumoren, so genannte Elektro- und Galvanotherapien, die Anwendung gerade erst entdeckter Naturstoffe aus Spinnen, Skorpionen oder Meeresorganismen – all das hört sich verlockend, aber meist keineswegs "alternativ" an. Die Werbung für solche Verfahren bezieht sich nicht selten sogar auf berühmte Forscher und ihre Studien; die Anbieter zitieren Universitätskliniken und renommierte Forschungseinrichtungen, um ihren Behauptungen zur Wirksamkeit der Verfahren Nachdruck zu verleihen.
Prüft man ihre Aussagen nach, stellt sich jedoch nicht selten heraus, dass die zitierten Institutionen von der behaupteten Zusammenarbeit gar nichts wissen, dass der genannte "berühmte" Forscher nie auf dem betreffenden Gebiet gearbeitet hat und sein Doktortitel aus einer Bananenrepublik stammt, oder aber, dass das, was hier schon für Patienten verkauft werden soll, auch in den USA gerade einmal an Mäusen erforscht wird. Und nicht hinter jeder Tablette oder Kapsel, die heute vollmundig zur Krebstherapie angepriesen wird, steckt überhaupt ein echtes Arzneimittel: So genannte Nahrungsergänzungsmittel sind rein rechtlich zwar nicht illegal, haben aber keinen anderen Stellenwert als ganz normale Lebensmittel. Für die eigentliche Krebstherapie haben sie nur wenig oder gar nichts zu bieten.
Selbst für Mediziner ist es auf den ersten Blick nicht leicht, kontrollierte klinische Studien von individuellen Heilversuchen zu unterscheiden, in denen der Patient ein großes Risiko trägt.
Als wissenschaftlich korrekt untersucht gilt eine diagnostische Methode
oder eine Therapie erst dann, wenn sie im Labor, an Tieren und an sehr
vielen Patienten in klinischen Studien getestet wurde. Die
Dokumentation dieser Studien muss festhalten, in welcher Situation die
Teilnehmer sich befanden, ob und wenn ja, welche anderen Behandlungen
sie bereits erhalten hatten, wie sie sich subjektiv fühlten und welche
klinischen und Laborbefunde vor und nach der Therapie erhoben wurden.
Auch eine gewisse Nachbeobachtungszeit wird in der Regel vorausgesetzt,
um die langfristige Wirkung, aber auch Spätfolgen beurteilen zu können.
Zum Vergleich werden in der Krebsmedizin meist die Untersuchungen
herangezogen, die an einer Kontrollgruppe vorgenommen wurden. Nur so
zeigt sich beispielsweise, ob ein neues Verfahren überhaupt besser ist
als der bisherige Standard.
Es reicht nicht aus, nur einzelne Fälle zu nennen, in denen ein
Mittel subjektiv sehr gut geholfen haben soll, selbst wenn es sich
dabei um einige Dutzend Leute oder gar noch mehr handelt. Leider ist
das oft der einzige Wirkungsnachweis, mit dem Alternativmethoden
werben. In der Regel sollte auch bekannt sein, wie eine Verfahren zur
Diagnostik genau funktioniert oder wie sich eine Therapie im Körper
insgesamt auswirkt. Dazu gehört beispielsweise die Dokumentation
darüber, ob ein Medikament überhaupt dorthin gelangt, wo es angeblich
wirken soll, zu welchen Abbauprodukten es der Körper verstoffwechselt,
und wie lange es dauert, bis es wieder ausgeschieden wird. Diese
Nachweise fehlen bei erstaunlich vielen alternativen Präparaten. Und ob
alternative Verfahren immer so sanft und ungefährlich sind, wie es
ihnen zugeschrieben wird, steht ebenfalls nur für die wenigsten sicher
fest. So beantworten selbst die verschiedenen Anbieterfirmen von Mistelpräparaten
die Frage nach Neben- und Wechselwirkungen höchst unterschiedlich,
obwohl die Mistel seit vielen Jahrzehnten als unterstützendes
Krebsmittel eingesetzt wird.
Ein Diagnostiker oder Therapeut, der den Anspruch erhebt, mit einer Methode entweder jeden Krebs zu erkennen oder jede Art von Krebserkrankung heilen zu können, verspricht nach allen derzeitigen Erkenntnissen mehr, als er halten kann. Selbst wenn nur eine günstige Beeinflussung der Erkrankung oder eine unterstützende Wirkung eines "komplementären" Mittels unterstellt wird, müssten unterschiedliche Krankheitsverläufe bei den unterschiedlichen Krebsarten berücksichtigt werden. Dies ist bei erstaunlich vielen alternativen Verfahren nicht der Fall, die meist pauschal "gegen Krebs" wirken sollen, und dies auch noch in jedem Stadium.
Die moderne Krebsforschung setzt daher auf immer individuellere Therapien, die sogar die molekularen Besonderheiten einzelner Tumorzellen bei individuellen Patienten berücksichtigen sollen.
Durchaus zwiespältig betrachten Krebsmediziner die indirekte Unterstellung alternativer Therapeuten, sie hätten nicht alles Notwendige für ihre Patienten getan - denn nichts anderes sagt eigentlich aus, wer eine komplementäre Behandlung im Anschluss an die schulmedizinische Therapie empfiehlt. Gerade bei Patienten, die aus dem Krankenhaus mit eigentlich recht positiven Zukunftsaussichten entlassen wurden, kommt es oft zu großer Verunsicherung, wenn ein Therapeut ihnen einige Zeit später das Gefühl vermittelt, ohne sein besonderes Therapieangebot würden ihre Chancen drastisch sinken.
Oft wird die Behauptung, die moderne Krebstherapie sei allein nicht ausreichend, über die Frage nach der Lebensqualität abgehandelt: Viele alternative Verfahren sollen laut eigener Aussage dazu beitragen, die schulmedizinische Behandlung ganz allgemein besser zu verkraften. Zieht man die aktuellen Leitlinien zur Krebsbehandlung zu Rate, die die Deutsche Krebsgesellschaft (www.krebsgesellschaft.de) zuletzt im März 2006 veröffentlicht hat, wird die Notwendigkeit ergänzender alternativer Verfahren jedoch auch für dieses Ziel nicht bestätigt. Notwendig wäre auch hier ein Wirkungsnachweis, der für die meisten Mittel und Methoden nicht vorliegt. Was gegen belastende Symptome und Nebenwirkungen heute als belegt gilt, hat der Krebsinformationsdienst in der Rubrik "Leben", Stichwort "Belastende Symptome" zusammengestellt.
Manche Therapeuten setzen den Stellenwert so genannter komplementärer Verfahren noch weiter herauf: Sie empfehlen noch Jahre nach dem Abschluss der eigentlichen Krebstherapie Maßnahmen, die angeblich das Rückfallrisiko senken. Hier stellt sich auch die Frage, für wie krank sich ein ehemals Betroffener eigentlich auf Dauer halten muss.
Selbst aktiv werden, etwas zur eigenen Behandlung beitragen, zu
handeln, statt immer nur be-handelt zu werden, diese Motive sind
nachvollziehbar. Alternative Therapien bieten hier nicht selten
scheinbar einfache Lösungen an: Viele Medikamente aus diesem Bereich
sind frei verkäuflich, eine Krebsdiät hat man ebenfalls selbst in der
Hand, und für die Auseinandersetzung mit möglichen seelischen Ursachen
und entsprechenden Lösungsmöglichkeiten braucht man zunächst ebenfalls
keinen Arzt.
Ganz ohne Information über Hintergründe, Wirkungen und Nebenwirkungen oder auch über die Krebstheorien, die hinter einem Verfahren stehen, sollten sich Krebspatienten jedoch nicht auf den selbständigen Weg der Verarbeitung ihrer Erkrankung machen – unter Umständen lauert sonst hinter vermeintlichen Abkürzungen eine "alternative" Sackgasse, die auch Risiken bergen kann. Fachleute sehen diese nicht nur im rein körperlichen Bereich, etwa bei unerwarteten Nebenwirkungen alternativer Medikamente oder in der für den Arzt, der von der Selbstmedikation nichts weiß, nicht erklärbare Veränderung von Laborwerten.
Psychoonkologen warnen vor ungeprüften Heilsversprechen auch wegen der negativen Folgen für die Krankheitsverarbeitung. Es gibt nicht wenige Berichte über alternative Therapeuten, die beim Versagen ihrer Methode die Ursache nicht etwa in deren fehlender Wirksamkeit sahen. Sie schoben die Schuld vielmehr dem Patienten zu – er habe sich nicht genug bemüht, sich nicht an ihre Anweisungen gehalten oder sei insgesamt einfach zu spät gekommen. Wie Krebspatienten und ihre Angehörigen sich mit der Bewältigung einer schweren Erkrankung leichter tun können, was gegen Angst hilft und wo es seriöse Angebote der psychologischen Unterstützung gibt, hat der Krebsinformationsdienst hier in dem Themenkomplex "Krankheitsverarbeitung" zusammengestellt.
Eine geplante Therapie sollte immer mit den behandelnden Onkologen besprochen werden, unabhängig davon, wer sie vorgeschlagen hat oder wie die Motive für den Wunsch nach einer Ergänzung der bisherigen Behandlung aussehen: Die Krebsspezialisten in Kliniken und Praxen sind heute in der Regel aufgeschlossener für eine unterstützende Behandlung als viele Patienten denken. Wo es bessere Möglichkeiten gibt, etwas für sich selbst zu tun oder zum Behandlungserfolg aktiv beizutragen, werden sie diese aber auch aufzeigen und vor Risiken durch ungeprüfte Verfahren warnen.
Wird die alternative Therapie bei einem anderen Arzt oder bei einem Heilpraktiker durchgeführt, sollten der Hausarzt oder der Arzt, der die Nachsorge koordiniert, wenigstens darüber Bescheid wissen. Sonst kann es böse Überraschungen geben, wenn sich aufgrund der zusätzlichen Behandlung plötzlich Laborwerte verändern, unerwartete Nebenwirkungen auftreten oder die "alternativen" Mittel gar gefährliche Wechselwirkungen mit den regulären Arzneimitteln aufweisen. Ist der Anbieter einer alternativen Therapie nicht damit einverstanden, dass die bisher behandelnden Ärzte um ihren Rat gefragt werden? Rät er gar dazu, die bisher vorgesehene Therapie zugunsten der Alternativmethode zu verlassen? Dann ist Vorsicht geboten: Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich nicht um ein seriöses Angebot.
Wichtig ist deshalb, sich vorab nach den Kosten einer Diagnosestellung oder einer Therapie zu erkundigen und eine mögliche Finanzierung mit der Kasse zu klären. Die Frage nach den Kosten kann aber auch als Prüfstein für die Seriosiät des Anbieters gesehen werden: Nicht selten erkennt der Patient schon am geforderten Honorar oder an den Kosten eines Medikaments, dass ein Therapeut sich außerhalb der geprüften Therapiestandards bewegt. Wo gar Vorauskasse gefordert wird, bevor eine Behandlung überhaupt begonnen wird, sind Zweifel an der Seriosität erlaubt.