Deutsches Krebsforschungszentrum - Krebsinformationsdienst


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Impfen gegen Krebs: Begriffe und ihre Bedeutung

Die Antwort auf die Frage "Impfen gegen Krebs - was heißt das?" ist einfach, aber wenig spektakulär: Es kommt darauf an, was mit dem Begriff gerade gemeint ist, wenn er im Zusammenhang mit dem Thema Krebs gebraucht wird. Das Wort Impfen hat sich, teilweise als nicht ganz genaue Übersetzung aus dem Englischen, für höchst unterschiedliche Entwicklungen in der Krebsmedizin eingebürgert: für Verfahren, bei denen eine "Vakzine" oder ein "Antiserum" zur Krebsvorbeugung gespritzt werden, wie auch für solche, die zur Verhinderung von Rückfällen oder Metastasen oder sogar zur Behandlung bereits entstandener Tumoren erprobt werden. Alle diese Ansätze wurden zum Beispiel in Zeitungen oder im Fernsehen schon mit dem Wort Impfen bezeichnet.

Impfen gegen Krebs: Ist das eine neue Behandlungsmöglichkeit?

Das Heilmittel gegen alle Krebsarten wird mit Sicherheit aus keiner dieser Methode entstehen: Alle zielen ganz spezifisch auf eine einzige Tumorform oder sogar nur auf ganz bestimmte Situationen im Verlauf einer Erkrankung. Praktisch alle Ansätze werden derzeit noch erforscht oder wissenschaftlich weiter begleitet, längst nicht alle sind schon so weit, dass Patienten wenigstens an klinischen Studien teilnehmen können.

Nur die einzige echte Impfung in diesem Sammelsurium, im Sinn einer Schutzimpfung vor Viren als Krankheitserregern, kann helfen, dass bestimmte Krebsarten in Zukunft vielleicht gar nicht mehr so häufig auftreten. Gegen bestehende Krebserkrankungen nützen diese Ansätze nach bisherigem Kenntnisstand nichts, sie können also noch nicht therapeutisch eingesetzt werden.

Schützt in Zukunft ein Impfstoff vor Krebsviren?

Weltweit werden etwa 15 Prozent aller Krebserkrankungen durch Viren verursacht. Möglicherweise sind die winzigen Krankheitserreger sogar an der Entstehung von sehr viel mehr Tumorerkrankungen beteiligt. Impfungen gegen Krebs auslösende Viren spielen insgesamt vor allem in Ländern der Dritten Welt eine große Rolle - dort werden insgesamt bis zu 80 Prozent der Krebsneuerkrankungen auf Infektionen unter anderem mit Viren aus der Hepatitis-Gruppe oder mit den Papillomviren zurückgeführt (hier eine Pressemitteilung des Deutschen Krebsforschungszentrums unter www.dkfz-heidelberg.de/de/presse/pressemitteilungen/2006/
dkfz_pm_06_48.php
).

Welche Viren stellen ein Krebsrisiko dar?

Hepatitis-Viren

Sehr weit verbreitet vor allem in Asien und Afrika ist beispielsweise die Infektion mit Gelbsucht, verursacht durch verschiedene Arten von Hepatitis-Viren. Bei einigen Menschen verbleiben Viren nach dem Abklingen der Infektion im Körper und können Schäden am Erbmaterial der Leberzellen auslösen, in die sie sich eingenistet haben. Auf lange Sicht erhöhen sie das Risiko für den primären Leberkrebs.

Nur einige der Betroffenen erkranken tatsächlich an dieser Tumorart. Daran zeigt sich, dass Krebs trotz der Beteiligung der Viren keine Infektionskrankheit im engeren Sinn ist. Trotzdem setzen die Krebsforscher große Hoffnungen auf die Ausschaltung dieser Risikofaktoren. Seit mehr als zwei Jahrzehnten steht ein Impfstoff gegen das gefährliche Hepatitis-B-Virus zur Verfügung. Zehn Jahre nach seiner Einführung zeichnete sich ein erster Erfolg von Impfkampagnen in Taiwan ab, einem Land mit besonders hoher Infektionsrate: Leberkrebs, der dort teilweise schon bei Kindern auftritt, begann, deutlich seltener zu werden.

Auch wenn Hepatitis in Deutschland vergleichsweise seltener ist, hat die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut, dem Bundesinstitut für Infektionskrankheiten und nicht übertragbare Krankheiten, schon 1995 die Hepatitis-Impfung für Säuglinge, Kinder und Jugendliche in den Kalender der empfohlenen Impfungen aufgenommen (auf den Seiten des RKI unter www.rki.de, Stichwort "Infektionsschutz", Stichwort "Impfen" und weiter zu "Empfehlungen der STIKO"). Die Kommission rät sie auch für Personen mit besonderem Infektionsrisiko.

Papillomviren

Besprechen soll man sie, mit Spinnweben und Krötenschleim oder, ein bisschen moderner, mit Bananenschale bepflastern, auch ein Bad im Licht des Vollmondes wird gelegentlich empfohlen: Doch vielen Warzen sind all diese Therapievorschläge egal. Für die Entstehung dieser Wucherungen an Haut und Schleimhaut sind ebenfalls Viren als Krankheitserreger verantwortlich. Die gute Nachricht: genau deshalb müssen einige Warzentypen gar nicht unbedingt behandelt werden, manchmal reicht Warten. Das Immunsystem der betroffenen Patienten bekommt nach einiger Zeit die Viren in den Griff, und die Warzen heilen ab.

Auch wenn die meisten Warzeninfektionen also harmlos und gutartig bleiben, sind einige Ausnahmen seit Anfang der 70er Jahre ins Zentrum der Krebsforschung gerückt. Bestimmte Papillomviren unter den bisher identifizierten Typen der Warzenviren sind mit Sicherheit an der Entstehung von Gebärmutterhalskrebs beteiligt.

Andere Viren

Auch andere Viren spielen eine Rolle als mehr oder weniger gesicherter Risikofaktor für bestimmte Krebserkrankungen, beispielsweise die Epstein-Barr-Viren. Die Rolle eines Bakteriums, des so genannten Helicobacter pylori, bei der Entstehung von Magenkrebs wird inzwischen ebenfalls anders eingeschätzt als noch vor wenigen Jahren.

Schwierig ist der Nachweis eines Zusammenhangs vor allem dann, wenn die betreffenden Krankheitserreger zwar bei vielen Menschen eine Infektion auslösen, aber nur sehr wenige dieser Patienten irgendwann im Laufe ihres Lebens an Krebs erkranken. Welche weiteren Faktoren sich nur bei den Erkrankenden finden und nicht bei Menschen, die eine entsprechende Infektion folgenlos hinter sich bringen, ist oft nur sehr mühsam und in langwierigen beobachtenden Studien festzustellen.

Antikörper: Machen sie immun gegen Krebs?

1984 erhielten Niels K. Jerne, Georges J.F. Köhler und César Milstein den Nobelpreis (http://nobelprize.org/medicine/laureates/1984/) für die theoretische und praktische Entwicklung der monoklonalen Antikörper. So schnell und nachhaltig hat kaum eine Entdeckung die Medizin verändert: Aus der Diagnostik und der Therapie, auch der Krebsforschung und sogar der Behandlung, sind die winzigen Eiweiße kaum noch wegzudenken.

Antikörper sind Stoffe, die alle Wirbeltiere und auch Menschen zum Schutz vor Krankheitserregern und anderen Eindringlingen in den Körper produzieren. Eine Impfung regt das Immunsystem normalerweise an, hochspezifische Antikörper gegen den Krankheitserreger zu bilden, gegen den sich die Impfung richtet. Als Impfstoff wird dabei entweder der abgeschwächte oder abgetötete Erreger selbst benutzt, bei Weiterentwicklungen der herkömmlichen Impfstoffe gegen viele Erkrankungen genügt schon ein Eiweißbestandteil oder ein Stück aus der Virushülle, um die Abwehr anzuregen. Infiziert sich der Geimpfte später einmal tatsächlich mit der betreffenden Krankheit, erkennt sein Immunsystem anhand der Antikörper die Keime als alte Bekannte, markiert und zerstört sie. Wo echte Impfungen bisher nicht zur Verfügung stehen oder gegeben werden können, helfen oft so genannte passive Immunisierungen mit Antikörpern, die allerdings nicht lange vorhalten.

Kann man Antikörper gezielt gegen Tumoren einsetzen?

Solch gezielte Attacken gegen Krebszellen zu richten, ist weitaus schwieriger als die Abwehr von Bakterien oder Viren. Antikörper brauchen ein unverwechselbares Merkmal, um ihre Ziele exakt identifizieren zu können. Dass dies selbst bei der normalen Immunabwehr gegen Krankheitserreger nicht immer funktioniert, zeigt das Beispiel Schnupfen: Die Viren tarnen sich so geschickt, dass das menschliche Immunsystem trotz jährlich wiederkehrender Attacken immer wieder auf das neue mit den Angreifern fertig werden muss.

Krebszellen sind trotz aller Veränderungen jedoch nicht einmal fremd im Körper. Um so schwieriger, in den letzten Jahren aber auch zunehmend erfolgreicher gestaltet sich die Suche der Krebsforscher nach besonderen Merkmalen auf der Oberfläche von Krebszellen, gegen die sich gezielt Antikörper richten ließen. Diese "Impfungen" dürfen auf keinen Fall zu unspezifisch sein, also beispielsweise auch sehr intensiv gegen die Oberflächenmerkmale von gesunden Zellen wirken. Sie müssen wenigstens eine gewisse Haltbarkeit im Körper haben und auch überall hintransportiert werden, wo sie wirken sollen.

Die bisher verfolgten Forschungsansätze haben außerdem gezeigt, dass die Antikörperstrategie als alleinige Therapie eher gegen Krebszellen erfolgreich zu sein scheint, die sich noch nicht im Gewebe festgesetzt haben, sondern sich gerade erst in der Blut- oder Lymphbahn verbreiten.

Eine ganze Reihe solcher Präparate hat bereits die Hürde der Zulassung als Medikament übersprungen, eines ist allerdings bereits wieder vom Markt genommen worden. Antikörper allein scheinen nach bisherigen Studien häufig zu schwach zu sein, um gegen mehr als ein paar Zellen zu wirken. Um sie auch gegen größere Tumoren wirksam zu machen, werden sie daher manchmal mit anderen Substanzen gekoppelt. Das können radioaktive Stoffe sein oder auch Vorstufen von Zellgiften. Bislang haben sich diese Verfahren jedoch überwiegend in der Krebsdiagnostik bewährt.

Eine Übersicht über das Prinzip, das hinter monoklonalen Antikörpern steht, hat der Krebsinformationsdienst hier zusammengestellt. Bei welchen Krebsarten Antikörper bereits als Medikament eingesetzt werden, ist unter Rubrik "Krebsarten" nachzulesen.

Vakzinestudien - bieten sie Hoffnung für Patienten?

Ein Immunsystem, das einen Tumor schmelzen lässt, bevor dieser überhaupt Beschwerden verursacht - schon für viele Krebspatienten wurde diese Hoffnung zur Enttäuschung. Krebs ist kein Fremdkörper wie ein Virus oder ein Bakterium. Auch hat die Forschung der letzten Jahre Dutzende von Mechanismen aufgezeigt, mit denen sich Tumorzellen regelrecht tarnen, um der körpereigenen Abwehr zu entgehen.

Die meisten Ansätze, das Immunsystem einfach nur zu "stärken", haben in der Krebsabwehr daher bisher ihre Wirksamkeit nicht belegen können. Daher konzentrieren sich Grundlagenforscher und Kliniker zunehmend auf höchst spezifische Verfahren, wie beispielsweise die Antikörper.

Noch spezifischer versprechen "Impfungen" zu werden, die sich direkt gegen winzigste Besonderheiten von Krebszellen richten. Dies können zum Beispiel Merkmale auf der Oberfläche von Zellen sein, meist Proteine bzw. Eiweiße, die nicht in gesunden Zellen vorkommen. Manchmal reicht es auch schon, sich auf Merkmale zu spezialisieren, die in normalem Gewebe zwar vorkommen, in Krebszellen jedoch "überexprimiert" werden, also viel häufiger produziert werden, weil der genetische Bauplan der Zellen verrückt spielt. Lassen sich diese Merkmale eindeutig identifizieren und sind sie spezifisch genug, lohnt sich ein Versuch, ob eine Immunreaktion künstlich ausgelöst werden kann, zunächst in Zellkulturen. Erst dann kann ein Labor anfangen, die Auswirkungen einer "Impfung" oder "Vakzinierung"  zu testen: nach dem Zellkulturversuch eventuell auch in Untersuchungen an Ratten oder Mäusen. Erst wenn diese Tests gut verlaufen, sind Studien mit Krebspatienten möglich. Die meisten dieser Ansätze sind weltweit jedoch erst in einem  vergleichsweise frühen Stadium, so dass ihre Wirksamkeit nur schwer beurteilt werden kann.

Sind diese Methoden schon Standard?

Auch wenn einige dieser Studien schon recht fortgeschritten sind, können in die meisten nur wenige Patienten mit sehr schweren Krebserkrankungen aufgenommen werden, denen keine andere Behandlung bisher geholfen hat. Die bisherige Erfahrung mit der Aufnahme von Patienten hat leider auch gezeigt, dass viele Betroffene für die bisher getesteten Therapieversuche von vornherein nicht in Frage kamen: Bei ihnen konnte das hochspezifische Merkmal, gegen das sich die jeweilige Strategie richtete, gar nicht erst nachgewiesen werden.

Wie viele Tumoren sich in Zukunft als angreifbar durch eine Vakzinetherapie erweisen werden, können derzeit selbst Experten nicht beurteilen. Patienten, die mit einer geprüften Standardtherapie, also eine Operation, einer Bestrahlung oder beispielsweise eine Chemotherapie gute Aussichten auf Besserung und Heilung haben, wären mit einer klinischen Studie voraussichtlich nicht auf der sicheren Seite. Ist eine Tumorerkrankung jedoch weiter fortgeschritten, können Studien in großen Zentren durchaus eine Alternative darstellen. Ob eine geeignete Studie für betroffene Patienten derzeit in Planung oder bereits in der Durchführung ist - und ob eine Studie überhaupt in Frage kommt - können die behandelnden Ärzte am besten in Erfahrung bringen: Sie verfügen über die notwendigen Unterlagen, aus denen sich die Situation des Patienten ersehen lässt, und können sich an die nächstgelegenen Tumorzentren wegen offener Studien wenden. Die Deutsche Krebsgesellschaft veröffentlicht ein Verzeichnis zu klinischen Studien, das allerdings keinen Gesamtüberblick bieten kann (unter www.studien.de abrufbar).

Gibt es weitere Möglichkeiten, die als "Impfen" bezeichnet werden?

Impfen gegen Krebs - unter diesem Begriff werden leider auch Methoden angeboten, die außerhalb der üblichen klinischen Forschung zum Einsatz kommen, nicht auf Wirkung und Nebenwirkung getestet wurden, die viel Geld kosten, obwohl wenig über sie bekannt ist. Nicht wenige Anbieter nutzen die neuen Erkenntnisse der Immunologie für ihre eigenen Zwecke: Was in den großen Forschungslabors noch mit viel Arbeitsaufwand getestet wird, um alle denkbaren Gefahren für Betroffene auszuschließen, bieten sie schon als angeblich allerneueste Therapien auf dem Markt an. Patienten und Angehörige können sich selbst ein Bild über solche Vakzinen machen, wenn sie bedenken, dass diese Angebote zu den Methoden mit bisher unbewiesener Wirksamkeit gehören.



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Seite drucken   Zuletzt aktualisiert: 24.07.2006