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Im September 2000 genehmigten die europäischen Arzneimittelbehörden einen Antikörper zur Behandlung des fortgeschrittenen Mammakarzinoms unter der Fachbezeichnung Trastuzumab. Herceptin®, so der Markenname, wurde als Standardtherapie auf Rezept zunächst nur gegen metastasierten Brustkrebs eingesetzt. Viele Patientinnen erhalten den Wirkstoff kombiniert mit einer Chemotherapie. Im Sommer 2006 erteilte die europäische Zulassungsbehörde EMEA die Erlaubnis für die adjuvante Behandlung von Frauen ohne Metastasen (hier ein Link zur mehrsprachigen EMEA-Information unter www.emea.europa.eu/humandocs/Humans/EPAR/
herceptin/herceptin.htm).
Als Voraussetzung für eine Herceptin®-Behandlung muss der Tumor der betroffenen Frau bestimmte molekularbiologische Besonderheiten aufweisen, um überhaupt auf das Medikament ansprechen zu können. Ein Viertel bis maximal ein Drittel aller Brustkrebspatientinnen erhält nach der Untersuchung von Gewebeproben einen entsprechenden Befund. Fehlen diese molekularbiologischen Merkmale, ist eine Therapie auch bei fortgeschrittener Erkrankung nicht sinnvoll.
Mehrere große Studien haben untersucht, ob der Herceptin Patientinnen
mit HER2-positivem Brustkrebs bereits nach der Operation des
Primärtumors für ein oder zwei Jahre verabreicht werden sollte, als adjuvante Therapie. Ausgangspunkt
war die Überlegung, dass Patientinnen mit stark positivem
Rezeptornachweis möglicherweise ein höheres Risiko für eine spätere
Metastasierung tragen. Die Hoffnung ist, dass sich durch die frühe
Antikörpertherapie die Bildung von Metastasen wirksamer verhindern
lässt.
Zum Nutzen dieser frühen Behandlung liegen nun erste Ergebnisse
der Studien vor, weitere werden folgen: Sie zeigen, dass die adjuvante
Gabe von Herceptin zusätzlich zur Chemotherapie das Rückfallrisiko
deutlich weiter senken kann. Dagegen steht zwar das bekannte Risiko von
Herzproblemen, die bei der Therapie auftauchen können, der Nutzen
scheint das Risiko jedoch zu überwiegen.
Wie Trastuzumab zusammengesetzt ist, lässt sich teilweise aus dem Namen ablesen, auch der Markenname Herceptin greift die Eigenschaften auf:
Nach bisherigem Kenntnisstand macht es keinen Sinn, jede Brustkrebspatientin damit zu behandeln, auch dann nicht, wenn eine Erkrankung schon sehr fortgeschritten ist. Der Rezeptor, den Trastuzumab blockiert, wird nach der inzwischen gewonnen Erfahrung nur bei etwa zwei bis drei von zehn betroffenen Frauen in so großer Menge gebildet, dass ein Therapieversuch sinnvoll ist. Die Angaben dazu in der Fachliteratur schwanken etwas. Diese Unterschiede kommen, so Experten, möglicherweise auch durch den jeweils verwendeten Nachweistest für entnommenes Tumorgewebe zustande.
Der Fachausdruck für größere Mengen an nachweisbaren Rezeptoren lautet "überexprimiert", und die Angabe, die in Befunden nach einer Brustbiopsie oder Brustoperation dokumentiert wird, "HER-2-positiv" oder, als eine Art Mengenangabe, "+", "++" oder "+++". Bei HER-2-negativen Tumoren finden sich auf den Krebszellen dagegen keine oder zu wenige Andockstellen für den Antikörper. Das Wachstum dieser Zellen wird von ihm so wenig beeinflusst, dass eine Blockade des Rezeptors keinen Effekt hat, die Patientinnen hätten auch bei fortgeschrittenem Brustkrebs keinen Nutzen von einer Therapie.
Die HER-2-Bestimmung erfolgt molekularbiologisch
durch den Nachweis des HER-2-Proteins. Dazu brauchen die Untersucher
Zellmaterial, das bei einer Operation des Brusttumors, aus Biopsien zur
Diagnosesicherung oder bei Operationen der Metastasen entnommen wurde.
Heute lassen behandelnde Ärzte diesen Test routinemäßig meist schon bei
der Aufarbeitung des beim ersten Eingriff entnommenen Tumormaterials
durchführen. Blutuntersuchungen reichen für die erste Bestimmung des
Rezeptorstatus nicht aus.
Moderne Nachweismethoden erlauben auch den Test an konserviertem
Tumorgewebe, das von einer länger zurückliegenden Operation oder
Biopsie aufbewahrt wurde. Ob geeignetes Material noch zur Verfügung
steht, können Patientinnen über ihren behandelnden Arzt bei der Klinik
klären lassen, in der sie behandelt wurden.
Das Ergebnis wird auf einer Skala von 0 bis 3+ (0 - +++) ausgedrückt
und nimmt Bezug auf die Menge der nachgewiesenen Rezeptoren.
Die Tumoren der betroffenen HER-2-positiven Frauen wachsen anscheinend
schneller als bei HER-2-negativen Patientinnen: Die Empfindlichkeit der
Zellen für den Wachstumsfaktor ist durch die große Anzahl der
Rezeptoren besonders groß. Den Nachweis lassen die meisten Ärzte und
Kliniken daher heute schon bei der ersten Gewebeentnahme durchführen.
Sie nutzen die Angabe als einen von mehreren so genannten
Prognosefaktoren für den weiteren Verlauf der Erkrankung.
Blockiert Trastuzumab den Rezeptor, unterbricht er damit die
Signalkette des Wachstums. Die Theorie hinter der Antikörpertherapie
gegen Metastasen baut bei positiv getesteten Patientinnen auf die
Verlangsamung des überschießenden Zellwachstums durch diese Blockade.
In der Praxis lässt sich dieser Effekt allerdings nicht bei allen
betroffenen Frauen auch klinisch nachweisen, selbst dann nicht, wenn
der Antikörper mit einer Chemotherapie kombiniert wird.
Der Nutzen für Patientinnen mit Metastasen eines Brusttumors ist schon
länger nachgewiesen, vorausgesetzt, die Zelluntersuchung zeigt eine
ausreichende Empfindlichkeit.
Ob Brustkrebspatientinnen schon vor dem Auftreten von Metastasen
von Trastuzumab profitieren, weil der Antikörper bereits die frühe
Zellstreuung bremst, wurde lange in Studien geprüft. Eine solche das
Risiko senkende Behandlung mit Medikamenten wird als adjuvant
bezeichnet.
Im Mai 2005 stellten Experten aus mehreren Ländern beim
Jahrestreffen der Amerikanischen Gesellschaft für klinische Onkologie
erste Zwischenergebnisse vor (www.asco.org, in englischer Sprache). Danach
verlängert sich bei Patientinnen, die aufgrund ihres positiven
HER-2-Rezeptorstatus ein hohes Rückfall- und Metastasenrisiko haben,
wahrscheinlich die Zeit des krankheitsfreien Überlebens, wenn sie
zusätzlich zur üblichen Chemotherapie gleich zu Beginn auch Herceptin®
erhalten.
Allerdings stieg, so die Vorabberichte, auch die Rate der Komplikationen an. Da der Nutzen diese Risiken aber laut derzeitiger Datenlage überwiegt, wenn eine Frau ausreichend viele Rezeptoren aufweist, wurde der Antikörper im Sommer 2006 auch für die begleitende Therapie zugelassen. Bereits 2000 war die Zulassung für Frauen mit Metastasen erfolgt.
Herceptin® ersetzt bewährte Therapieverfahren weder in der adjuvanten Situation noch bei fortgeschrittenem Brustkrebs, sondern ergänzt sie und erweitert das Spektrum der Möglichkeiten. Einen Überblick über die jeweils geeigneten anderen Verfahren bei Brustkrebs hat der Krebsinformationsdienst hier zusammengestellt.
In der adjuvanten Situation
schließt sich die Antikörper-Behandlung an die Operation, die
Chemotherapie und die Bestrahlung an. Für ein Jahr sollen betroffene
Patientinnen, so die aktuelle Zulassung für das Medikament, alle drei
Wochen eine Infusion erhalten. In der Kombination mit anderen
Medikamenten und in Studien sind eventuell auch andere Zeitabstände
möglich. Zeigt sich vor Ablauf des Jahres, dass die Behandlung nicht
wirkt und einen Rückfall nicht verhindern konnte, wird sie früher
beendet.
In der metastasierten Situation wird
der Antikörper mit einem Zytostatikum kombiniert, derzeit meist mit den
Substanzen Docetaxel oder Paclitaxel: Die auf unterschiedliche Weise
tumorhemmenden Wirkungen können sich gegenseitig verstärken. Der
Antikörper wird meist einmal pro Woche als Infusion verabreicht, auch
ein Schema mit einer Gabe alle drei Wochen ist möglich. Die Behandlung
kann ambulant erfolgen.
Kein Medikament, das in körpereigene Vorgänge eingreift, ist frei von
Nebenwirkungen. Im Vergleich zu einer Chemotherapie ist Herceptin®
alleine bei fortgeschrittenem Brustkrebs allerdings besser verträglich.
Beobachtet werden grippeähnliche Symptome wie Fieber, Übelkeit,
Durchfall oder Kopfschmerzen, seltener auch andere Nebenwirkungen. Sie
treten aber nicht bei jeder Patientin auf und lassen sich mit
geeigneten Begleitmedikamenten auch bis zu einem gewissen Grad lindern.
Die Nebenwirkungen beschränken sich außerdem meist auf die erste
Infusion: Die Fortsetzung der Behandlung belastet die meisten
Patientinnen weit weniger.
Wird die Behandlung mit einem Taxan kombiniert, stehen die Nebenwirkungen des Zytostatikums im Vordergrund, also die von einer Chemotherapie bekannten Folgen.
Bisweilen führt die Therapie mit Trastuzumab zu Nebenwirkungen, die das
Herz betreffen: Auch auf den Zellen des Herzmuskelgewebes findet sich
der HER-2-Rezeptor. Da sich diese Wirkung in Kombination mit ganz
bestimmten Zytostatika, den Anthrazyklinen, verstärkt, soll Herceptin®
mit dieser Chemotherapieform derzeit nicht kombiniert werden. Mit
Anthrazyklinen sollte, so die Empfehlung der Hersteller, auch nach dem
Absetzen von Herceptin® bis zu 24 Wochen gewartet werden, da der
Antikörper noch so lange nachwirken kann.
Die möglichen Auswirkungen auf das Herz werden bei Frauen, deren
Brustkrebserkrankung sehr fortgeschritten ist, jedoch bis zu einem
gewissen Grad anders eingeschätzt als bei Frauen, deren Erkrankung gut
verläuft und bei denen Herceptin® zur Rückfallverhütung eingesetzt
werden könnte. In den bisher vorliegenden Daten aus Studien zur adjuvanten Therapie
gab es nicht nur eine Senkung des Risikos, sondern auch ein Steigerung
der Rate an Herzproblemen. Diese Beobachtung ist mit ein Grund dafür,
dass Herceptin® erst rund sechs Jahre später auch für Frauen zugelassen
wurde, die mit der bisher üblichen Behandlung zur Verhütung eines
Rückfalls nach erfolgreicher Operation auch so schon gute Aussichten
auf Heilung haben.
Ob auch Patienten mit anderen Krebsarten als Brustkrebs in der Zukunft von Trastuzumab profitieren, muss erst noch geprüft werden. Zwar findet sich der typische Rezeptor auch bei Zellen anderer Gewebetypen. Er ist jedoch hier nicht so spezifisch für kranke Zellen. Vergleichbare Medikamente aus Antikörpern, die auf andere Merkmale bei anderen Tumoren reagieren, gibt es jedoch ebenfalls: Sie spielen beispielsweise in der Lymphomtherapie eine Rolle.